Sex sells. Das funktioniert immer wieder. Ob sich das auch die in New York lebende Britin Cecily Brown (1961) gedacht hat, als sie in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Kunstmarkt eroberte? Eigentlich waren ihre Bilder ja nur eine müde Provokation, längst sind wir abgestumpft. Sie selbst sagt, dass es ihr nie um eine Provokation ging. Sie wollte dem Emotionalen in den pornografischen Szenen nachspüren.

Brown malte Szenen aus Sexmagazinen ab. Doch wie sie das tat, erregte Aufsehen. Ihr Bilder sind energiegeladen, immer hart an der Grenze zwischen Abstraktion und Figuration, mal mehr das eine, dann wieder mehr das andere. Immer schwelgt sie aber in einem Rausch aus Farben. Perfekt versteht sie es, mit den Farben zu spielen, erzeugt aus kalten und warmen Farben Raumtiefe, Energie und Bewegung. Manchmal sind die menschlichen Körper nur noch angedeutet als „fleischfarbene Klumpen“, dann wieder in Pollock’scher Manier getröpfelte und gespritzte Linien.

Immer wieder ist die Präsenz von Körpern in den Bildern spürbar, auch ohne das die Malerin sie endgültig ausformuliert. Sie arbeitet oftmals Monate an einem Bild, bis sie es perfekt findet. Nichts soll zu sehr an Sex erinnern und doch soll er spürbar bleiben. Der Betrachter soll genau hinschauen, lange hinschauen, in das Bild versinken und die Situation erst langsam erfassen. Vorbei die Zeiten, in denen man auf den ersten Blick sah, was da im Bild vor sich geht und neben dem kopulierenden Paar alles andere vergisst.

In den letzten jahren ging sie immer mehr zur Abstraktion über. Fast scheint es so, als würde sie sich ganz auf das fokussieren, was den Sex ausmacht: Energie, Bewegung, Verschmelzung und Auflösung. Die Natur scheint in ihren Bildern eine immer wichtigere Rolle zu spielen. Ihre Arbeiten scheinen immer mehr vom einstigen Bildthema abzuweichen und doch irgendwie darin gefangen zu bleiben. Kein Wunder. Einer der meist zitierten Sätze der Malerin lautet: „Sex ist die treibende Kraft hinter fast allem, was so vor sich geht.“ Wer will da schon widersprechen?

Zeitgleich zeigen die Deichtorhallen Herbert Brandls großformatige Arbeiten. Brandl selbst hatte sich Brown als „Mitausstellerin“ gewünscht und der Wunsch wurde ihm gerne erfüllt. Ein genialer Schachzug, denn so ähnlich die Künstler den Rausch der Farben auch feiern, so unterschiedlich sind sie doch. Auch Brandl arbeitet an der Grenze von Figuration und Abstraktion. Doch seine Bilder wirken wie Ruheoasen gegen Browns Orgien. Immer wieder scheinen in den gegenstandslosen Bildern figurale Bildaussagen durch. Fast immer sind es Landschaftsbilder, mal Grassteppen oder Waldansichten, dann Bergpanoramen oder dramatische Sonnenuntergänge – Farbgewitter, ein „heftiger Konflikt aus Licht und Farbe“, wie es Deichtorhallen-Leiter Robert Fleck beschrieb. Allerdings fehlen Brandls Bildern Kraft und Bildgewalt von Browns Arbeiten, fast schon langweilig wirken seine subtilen Werke im Vergleich. So zeigen beide Künstler, wie unterschiedlich abstrakte Ansätze sein können, zeigen abweichende Konzepte von Farbe, Raum und Tiefe, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Abstraktion ist eben doch nicht einfach nur Reduktion des Sichtbaren.

Ich hatte richtig Spaß. Hingehen, anschauen!

Weitere Informationen: deichtorhallen.de