Das Saarland ist nicht eben reich gesegnet an Galerien. Kein Wunder, es fehlt an zahlungskräftigen Sammlern, die Galeristen haben es schwer. Das kleine Bundesland ist aber auch nicht wirklich reich gesegnet an hervorragenden Künstlern. Trotzdem gibt es eine kleine aber feine Kunstszene. Einer der Kulminationspunkte ist die Galerie K4 von Werner Deller, einem ehemaligen Informatik-Manager, der die Leidenschaft für Kunst zum Beruf machte.

Die Galerie stellt regionale und überregionale Künstler aus, widmet sich den Studierenden der Hochschule der Bildenden Künste der Landeshauptstadt, pflegt ein intensives Netzwerk und neben der Galerie gibt es in der Innenstadt noch den Projektraum „K4 Forum“ und im nahegelegen St. Ingbert die „Alte Baumwollspinnerei“, eine ehemalige Fabrik, die Deller in ein Kulturzentrum umwidmen will.

Die Galerie versteht sich als ästhetisches Labor und das ist wörtlich zunehmen. Sie ist eine Versuchsstätte, ein Forschungsraum auf der Suche nach dem ästhetisch Wertvollen. Nicht alles, was Deller ausstellt, ist wirklich interessant oder gut oder wertvoll, aber es gibt durchaus Perlen zu entdecken und meist trifft Deller ins Schwarze. Künstler der Galerie sind unter anderem Oliver Möst, Helge Hommes, Mia Unverzagt, Nikola Irmer oder Stephan Robert.

Derzeit darf man in der K4 Galerie Arbeiten von Andrea Neumann bestaunen („Flüchtig | éphémère“, bis 17. Oktober 2008). Neumann wurde 1969 in Stuttgart geboren, aber das Kunststudium verschlug sie ins Saarland, das heute ihre Heimat ist. Ungewöhnlich ist schon das Arbeitsmaterial. Neumann malt mit Eintempera auf helle, nicht grundierte Baumwolle. Das verleiht den Bildern eine gewisse Leichtigkeit und Transparenz. Dort wo die Farbe dünn aufgetragen wurde, schimmert der Untergrund durch. Ideale Materialien für Neumanns Bilder.

Das Gedächtnis funktioniert (meist) nicht fotografisch, es behält nur wichtige Elemente gespeichert, fragmentiert diese und setzt sie bei Bedarf wieder zusammen. Wir fokussieren bestimmte Details des Gesehenen. Oft aber spielt uns das Gedächtnis einen Streich, bildet die Fragmente beliebig neu oder hat einen eigenen Willen und fokussiert nicht wirklich das, was wir uns gewünscht hätten.

Es bleiben nebulöse Bilder von Menschen, Ereignissen und Situationen. Wir haben uns zwar den Augenblick gemerkt, wissen aber nicht mehr genau, wie die Umgebung aussah oder merken uns nicht das Gesicht von Personen, wohl aber, welche Kleidung sie trugen. Vielleicht war es uns nicht wichtig, oder aber unser Gedächtnis hielt anderes für bedeutsam. Es bleiben verwischte Bilder, Andeutungen, Versatzstücke der Realität.

Genau solche flüchtigen Bilder malt Andrea Neumann. Schemenhafte Gestalten wandeln da durch wabernde Landschaften, die uns nichts preisgeben, außer den Horizont, oder den Boden auf dem die Figuren stehen, manchmal fehlt dies gänzlich. Die Figuren sind angedeutet, skizzenhaft festgehalten, ohne individuelle Merkmale. Scheinbar ohne großen Aufwand schafft die Malerin virtuose Bilder voller lyrischer Leichtigkeit – und doch nicht ohne Ernsthaftigkeit. Ihre Bilder sind voller Kürzel, sie deutet an, verrät aber nicht viel. Obwohl die Bilder immer nur an der Oberfläche kratzen, wirkt nichts oberflächlich. Immer ist da eine Spannungskraft und eine unterschwellige Dynamik.

Die zurückgenommene Farbigkeit unterstützt den Eindruck des Flüchtigen, nur kleine Details sind in helleren und kräftigen Farben gemalt, aufgetragen in breiten Bahnen. Die Figuren scheinen oftmals aus dem Malgrund aufzusteigen, gewissermassen heraus modelliert worden zu sein. Alles ist bedeckt von Schlieren, Nebeln aus Farbe. Im Hintergrund tauchen immer wieder Fragmente von Flächen auf, selten vermitteln sie Tiefe. Meist umgeben sie die Figur wie eine Aura, scheinen fast zu leuchten, um dann im Nichts zu verschwinden, je weiter sich das Auge von der Figur entfernt. Scharfe Kanten sucht man vergeblich, als ob alles ineinander verschwimmt, nichts lässt sich halten, alles ist vergänglich.

Immer wieder fragt sich der Betrachter, ob Neumann Träume malt oder Erinnerungen. Oder sind unsere Erinnerungen nicht auch immer Teil unserer Träume, in denen wir unsere Erinnerungen verarbeiten? Den Szenen haftet allerdings nichts Albtraumhaftes an. Es sind Alltagsszenen, Menschen in ihrer Lebensumgebung. Wir sehen Menschen bei Heimwerkerarbeiten, beim Spazierganz oder bei Freizeitbeschäftigungen.

Klasse, anschauen lohnt sich!