In Stuttgart teilen sich die Staatsgalerie und das Kunstmuseum die Kunstgeschichte. Während die Staatsgalerie die Kunst bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts präsentiert, übernimmt das Kunstmuseum die zeitgenössische Kunst. Die Staatsgalerie zeigt derzeit eine Ausstellung zu Porträts der Pop-Art (sehenswert!), das Kunstmuseum hat eine Retrospektive zu einem der wichtigsten deutschen Künstler zusammengestellt: Dieter Krieg (1937-2005).

Leider ist Krieg bis heute relativ unbekannt. Krieg war Schüler von HAP Grieshaber in Karlsruhe, später Professor in Düsseldorf und gehörte seit den 1960er Jahren zu den wichtigsten Vertretern der Neuen Figuration.

Dieter Krieg war ein außergewöhnlicher Künstler, weil er außergewöhnlich malte, außergewöhnlich Banales in Außergewöhnlich großen Formaten: Eimer, Pommes Frites, Koteletts, Brillanten, Blumentöpfe und Duschvorhänge. Dabei setzte er sich mit dem Bildgegenstand intensiv auseinander und lotete die Möglichkeiten der Malerei immer wieder neu aus. Eine wichtige Rolle spielt auch die Schrift, die in fast allen Bildern scheinbar am Rand auftaucht.

1978 malte er ein Bild mit einem Teller Pomes frites: „Comment peindre“ (Wie malt man) und schreibt in Bleistift dazu: „des pommes frites“. In das einfache Bild packt er so einen theoretischen Diskurs: was und wie malen? Ein Jahr später malt er „Fritten und Brillanten“ und offenbart mit der grotesken Kombination seine Sicht auf die Welt, in der Erhabenes und Alltägliches so dicht beieinander liegen.

Ähnlich auch das fünf Meter breite Monumentalgemälde „Lügen über Bilder“. Auf grünem Grund prangt ein weißes Band auf dem in riesigen Lettern „Lügen über Bilder“ strahlt. Bedeutungsschwanger, aber der Maler lässt uns mit unseren Gedanken und Erwartungen alleine, der Betrachter muss sich schon selbst überlegen, was der Maler meint. Die Malerei siegt über die Botschaft. Nicht umsonst tragen viele Bilder Kriegs keine Titel – oder besser: den Titel „Ohne Titel“. So sehr die Bilder auch eine unverwechselbare Bildsprache tragen, so sehr entziehen sie sich auch einer endgültigen Deutung. Analytische Malerei war nicht sein Ding, auch wenn sich immer wieder mal Anklänge finden. Krieg entwickelte aus der konzeptuellen Malerei seine eigene Bild- und Formensprache.

Überhaupt setzt sich Krieg intensiv mit der (Kunst-) Welt um ihn herum auseinander. Die Ausstellung zeigt auch Kriegs Typoskripte, akribisch abgetippte Schreibmaschinentexte, die sich zwischen Lyrik und Tagebuchaufzeichnungen bewegen und in denen Krieg immer wieder auch seine Kunst reflektiert. In der Audioarbeit „Allen Malern herzlichen Dank“ liest er in einer 150-stündigen Lesung alle im Thieme-Becker-Künstlerlexikon aufgeführten Namen vor.

Literatur war eine wichtige Anregung für Krieg. Immer wieder finden sich in seinen Werken Zitate von Proust, Joyce, Sartre und Arno Schmidt. Allerdings bringen die Zitate keinen wirklichen Bildungsinhalt mit sich. Immer wieder malte er Bücher von Beckett, Heidegger oder Groddeck. Im gleichen Zeitraum entstehen auch die Kerzenbilder, die in immer neuen Variationen erloschene Kerzen zeigen, manchmal auch mit Beiwerk wie Opferstöcken.

In den siebziger Jahren widmete sich Krieg intensiv dem menschlichen Körper. Diese Werke waren auch sein Beitrag für Deutschlands Pavillon bei der Biennale in Venedig 1978. Malt er anfangs vor allem Körper, sind es später dann verzerrte Gesichter, bevor er Anfang der achtziger Jahre bei Fleisch und Fisch landet.

Die Kunsthalle präsentiert die erste vollständige Retrospektive (bis 17. August 2008) zu Dieter Krieg. 100 Werke hat man zusammengetragen und erlaubt so dem Besucher einen vollständigen Überblick über das Schaffen des Malers über alle Werkphasen und Medien. Konzipiert ist die Ausstellung nicht chronologisch, sondern nach Themen, was allerdings auch deutlich sinnvoller ist und auch keine großen Unterschied macht, denn Kriegs Arbeit ist wie ein roter Faden, der sich von einem Thema zum nächsten schlängelt. Eine wirklich schöne Ausstellung, die Dieter Krieg endlich ins rechte Licht rückt.

Wer mehr über den Künstler wissen möchte, sollte die Seiten der Stiftung Dieter Krieg besuchen. Dort findet man eine umfassende Dokumentation des Werkes. Lesenswert ist auch ein Essay von Dirk Teuber zu Kriegs Arbeiten in den siebziger Jahren (zu finden unter „Texte“).