Die Maler der Neuen Leipziger Schule haben einiges gemeinsam. Sie studierten in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Ihre Lehrer und deren Lehrer waren Mitglieder der Leipziger Schule, klangvolle Namen wie Heisig, Tübke, Rink und Gille. Sie sind alle Maler, malen gegenständlich; Stil, Ausdrucksmittel und Themen sind ähnlich.

Aber sie haben nie selbst versucht, sich als Gruppe zu definieren und sich in den letzten Jahren sogar bewusst voneinander abgesetzt. Sie haben sogar das Ende der Leipziger Schule verkündet. Sie wollten sich verändern, nicht stagnieren und nicht als Gruppe identifiziert werden. Geholfen hat es Ihnen wenig. Die „Neue Leipziger Schule“ ist in aller Munde und keiner der Künstler wird genannt, ohne das nicht auch der Name der Kunstströmung fällt, wie auch dieser Artikle zeigt. Das hat aber auch Vorteile. Die Preise stiegen ins Astronomische und einige von Ihnen gehören inzwischen zu den wichtigsten Malern der Gegenwart.

Tim Eitel ist einer von ihnen. Wie auch Neo Rauch, Tilo Baumgärtel, Matthias Weischner und Christoph Ruckhäberle malt er streng gegenständlich, möchte er aber auch das Label „Leipziger“ loswerden. Ein Stilwechsel ist da sicher nicht falsch und den hat er in den letzten vier Jahren vorangetrieben.


Eitels Motive sind Menschen. Sie bewegen sich im öffentlichen Raum, meist in Museen. Gelegentlich erhascht man durch die Fenster einen Blick nach draußen auf die Landschaft. Die Menschen wirken teilnahmslos, ohne große Emotion, sind blass gemalt, oft von hinten in durchgestylter Kleidung, typische Vertreter der Generation des Malers, jener Mitt-/ Enddreißiger die zwischen Familiengründung, Karriereplanung und War-das-alles-Gefühl durch das Leben irren.

Jetzt ist alles anders. Oder doch nicht? Eitel ist sich treu gebleiben und hat sich doch grundlegend verändert. Noch immer malt er die typischen Figuren, aber sie bewegen sich nicht mehr in klar definierten, realistsch gemalten Räumen, die klar erkennbar sind. Die Menschen bleiben realistisch, doch die Räume sind leer, auch wenn man sie immer noch aus Ausstellungsräume identifizieren könnte. Es sind graue Wände in allen Schattierungen. Die Bildhintergründe wirken wie abstrakte Farbfeldmalerie, die Menschen in Eitels Bildern wirken noch verlorener und einsamer als früher. Die Blicke nach draußen sind verschwunden. Es scheint so, als habe Eitel um alles, was er malt, eine Ausstellungsraum, einen „White Cube“ oder besser einen „Grey Cube“ gemalt. Da werden selbst Personen zu Kunstobjekten, Readymades aus dem Leben.

Die Bilder wirken düster, melancholischer und beklemmender als früher. Sie haben etwas Bedrohliches ohne dass man es in Worte fassen könnte. Kein Abgrund, kein Verbrechen und keine Krankheit. Die vorkommenden Gegenstände sind plastisch, realistisch und detailreich dargestellt. Der Hintergrund wirkt als Kontrast. Die Malweise ist geblieben, fast schon zu perfekt gemalt sind die Bilder, eine glatte Bildfläche ohne sichtbaren Pinselstrich. Die Bilder wirken so noch lebloser und mechanischer und verstärken so den Eindruck perfekt.

Tim Eitel, Boot, 2004, Öl auf Leinwand, 250 x 210 cm, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, Sammlung Marx, © VG Bild-Kunst, Bonn 2008

Interessant wird das vor allem dann, wenn Eitel das genaue Gegenteil dieser malerischen Hygiene präsentiert: den Müll und die Schattenseiten unserer Gesellschaft. In „Asphalt“ (2007) sind zwei Einkaufswagen zu sehen – oder eher nicht zu sehen, denn sie sind randvoll bepackt und behängt mit Einkaufstüten, Taschen und blauen Säcken. Ist es die Habe eines Obdachlosen? Wahrscheinlich, aber so sauber und ordentlich? Menschen sucht man vergebens, der Hintergrund ist im neuen grauen Einerlei gemalt, die beiden Wagen perfekt fotorealistisch dargestellt. Fast wirkt es, als habe Eitel ein Foto einer Installation an die Wand genagelt.

Auf die Spitze treibt es Eitel in „Boot“ (2004). Da paddelt ein Pärchen in einem Kanu hilflos und resigniert im Nichts auf eine hellgraue Wand zu – oder ist das der Abgrund? Um sie herum nur dunkelgraue Wände. Sie sind alleine und verloren in einem endlosen Meer, über sie wurde ein überdimensionaler Schuhkarton gestülpt. Gruselig!

Eitel hat sich von seiner Zeit als „Leipziger“ emanzipiert und ist sich doch treu gebleiben. Seine Kombination aus abstrakter Farbfeldmalerei und Realismus ist eine tolle Idee, die Bildaussage wird genauer, man weiß „was der Maler sagen will“ ohne dass er wirklich mehr verrät als früher. Wer die Bilder anblickt, erstarrt in meditativer Versenkung.

Die Kunsthalle Tübingen präsentiert jetzt in der Ausstellung „Die Bewohner“ bis 1. Juni 2008 40 Werke aus den Jahren 2004 bis 2008. Nach Tübingen ist die Ausstellung in der Kunsthalle Brandts (Odense/ Dänemark) und der Kunsthalle Kiel zu sehen.