Eines der wichtigsten Merkmale für einen guten Künstler ist seine Weiterentwicklung. Wer im selben Genre verharrt, den gleichen Stil und das gleiche Sujet pflegt, wird irgendwann langweilig. Die Kunsthalle Mannheim zeigt uns bis 12. Mai 2008, warum Martin Eder nicht langweilig ist.

Eder gilt als einer der wichtigsten deutschen Künslter. Er malte bittersüße, erotische, kitschig-trashige Szenen in denen sich junge, perfekte Frauen dem Betrachter lasziv entgegenräkeln. Oft vermischt Eder diese Szenen mit niedlichen kleinen Welpen und Plüschkätzchen oder lässt den Betrachter in treudoofe Hundeaugen blicken. Eders Bildwelten schwanken zwischen Surealismus, Realismus und Aktmalerei sind knallbunt und quietschig-kitschig. Doch das täuscht. Immer schwankt in den Bildern auch etwas Düsteres, eine Ahnung von einem dunklen Schatten.

Sein Antrieb ist Wut, wie er mal in einem ART-Interview sagte. Wut auf die Flut sentimentaler Bildmotive, die ihm im Fernsehen, in Illustrierten, im Kaufhaus entgegenquellen. Wut darüber, dass Privates, Individuelles, Emotionales mit Billigung der Gesellschaft überall banalisiert und verkitscht werde. Wut auch darüber, dass Kunst nicht mehr sein soll als ein dekoratives Bild daheim über dem Sofa. Gegen all das malt er nun also tapfer von morgens bis abends an. Mit Motiven, die das, was er angreift, perfekt auf die Spitze treiben: „Je kitschiger meine Sujets sind, desto besser. Ich hasse sie. Und komme doch nicht von ihnen los.“ (ART 09/2004)

Jetzt zeigt Eder in Mannheim eine neue Seite. In „Die Armen“ präsentiert der Künstler großformatige Fotografien. Die Armen, das sind Frauen, gar nicht mehr so perfekt und knackig, sondern ganz normal, gerade deshalb sind sie trotzdem schön. Sie wirken verletzlich, aber nicht schwach, starren orientierungslos ins Nichts. Es sind nicht mehr die austauschbaren Vorzeigefrauen in Eders Gemälden, sondern Individuen mit eigenem Charakter.

In den Großformaten verschwimmt die Grenze zwischen Portrait und Akt – was wir hier sehen, erscheint wie Charakterisierungen von Seelenlandschaften. Der Betrachter spürt die manieristische Überhöhung der Figur sowie die Bloßlegung ihrer Ängste und ihre Fragilität. Die Frauen posieren vor schwarzen Hintergründen, Eder nimmt die Farben zurück, nur das Rot bleibt in den Bildern leuchtend erhalten. Warum er das gemacht hat, erschließt sich allerdings nicht ganz, es wäre klüger gewesen, das Rot nicht zu betonen, so werden die Werke mit einer merkwürdigen Symbolik aufgeladen, die nicht nötig gewesen wäre. Aber bitte…

Es ist die uns in seinem Werk so vertraute Korrelation zwischen der Sehnsucht nach Schönheit und der gleichzeitigen Hinterfragung: Was ist schön? Die Ästhetik, die Martin Eder bewusst in diesen Fotografien einsetzt, ist zugleich auch die Offenlegung einer verhaltenen Gewalttätigkeit, des Masochismus und der Ruhelosigkeit des Alltäglichen, die sich hier einen Weg an die Oberfläche gebahnt hat und doch nicht durchbricht.

Die Ausstellung ist nach Mannheim im Mönchehaus-Museum für Moderne Kunst in Goslar zu Gast. Sie ist dort vom 05. Juli bis zum 05. Oktober 2008 zu sehen.