Maurizio Cattelan gehört neben Ron Mueck und Patricia Piccinini zum Triumvirat des Hyperrealismus. Aus Latex, Silikon und Fiberglas formen die drei ihre täuschend realistisch scheinenden Werke. Während bei Mueck der atemberaubende Realismus der Arbeiten zentrale Bestandteile seiner Kunst sind, ist bei Piccinini der ins surrealistische kippende Stil ihr Markenzeichen. Cattelan ist der Spaßmacher, dessen Werke immer auch ein Augenzwinkern des Künstlers transportieren.

Maurizio Cattelan, Untitled, 2007, copyright: Maurizio Cattelan, Kunsthaus Bregenz

Maurizio Cattelan, All, 2007
Marmor
Ausstellungsansicht Kunsthaus Bregenz, 2. OG
Foto: Markus Tretter
© Maurizio Cattelan, Kunsthaus Bregenz

Seine Themen sind die Konventionen von Gesellschaft und Kunstbetrieb. Cattelans Installationen erzählen immer eine Geschichte und sind von subversiver Theatralik geprägt. Dabei treiben seine bildnerischen Formulierungen den Realismus aber derart auf die Spitze, dass der realistische Schein ins Absurde und Lächerliche kippt. Die Objekte sind immer auch räumliche Inszenierungen, gewürzt mit Prise Ironie. Cattelan provoziert, seine Arbeiten kennen nicht nur eine Wahrheit, unerwartete Brechungen bieten allerlei Widersprüche.

Immer wieder lässt sich Cattelan von der eigenen Biografie inspirieren. Der Italiener lebt und arbeitet in New York und Mailand. Häufig ist seine italienische Heimat Thema seiner Arbeiten, ironiesieren das italienische Lebensgefühl, das zwischen „Dolce far niente“ und übersteigerter Frömmigkeit pendelt. Seine wohl berühmteste Arbeit ist in diesem Zusammenhang „La nona ora“ (1999, Die neunte Stunde), in der Papst Johannes Paul II. von einem Meteoriten getroffen am Boden liegt und seinen Kreuzstab umklammert. Das Werk provozierte einen Aufschrei der Empörung. In Polen wurde gar die Museumsdirektorin des ausstellenden Hauses entlassen. Polnische Abgeordnete versuchten, den Meteoriten zur Seite zu rollen und den Papst aufzurichten.

Auch „Him“ (2001) provozierte. Ein in frommer Haltung verharrender Hitler kniet auf dem nackten Boden und sieht aus wie ein schuldbewusster Schuljunge, den man beim Spicken erwischt hat und nicht wie das Ungeheuer, das Europa ins Verderben stürzte.

Maurizio Cattelan, Untitled, 2007, Copyright: Maurizio Cattelan, Kunsthaus Bregenz

Maurizio Cattelan, Untitled, 2007
Ausgestopfte Tiere
Ausstellungsansicht Kunsthaus Bregenz, 1. OG
Foto: Markus Tretter
© Maurizio Cattelan, Kunsthaus Bregenz

Immer wieder ist der Kunstbetrieb Thema Cattelans. Dabei macht er auch nicht vor sich selbst halt. Mal hängt der Künstler in einer Miniaturausgabe im Filzanzug an einer Designergarderobe („La Rivoluzione siamo noi“, 2000) oder er dringt durch den Fußboden in das Museum ein („Ohne Titel“, 2001) .

Das Thema der Ausstellung in Bregenz ist vor allem der Tod. Geschickt nutzt Cattelan das Haus, um seine Arbeiten vorzustellen. Die Architektur des Hauses wird Teil der Inszenierung, aus dem Kunsttempel wird eine Grabkammer. Das Haus ist dafür perfekt geeignet. Sichtbeton und geätztes Glas lassen die kühle Atmosphäre eines Leichenschauhauses lebendig werden. Cattelan darf alle drei Ebenen des Hauses nutzen. Wo andere Künstler wahrscheinlich Wände und Flächen intensiv genutzt hätten, tobt bei Cattelan der Minimalismus.

Die eigentliche Provokation Cattelans sind nicht die Werke, es ist die Leere, die er sich erlaubt. Im Erdgeschoss begegnet der Besucher drei gleichen Bildern, die an nationalsozialistische Propagandaplakate erinnern: Bregenz brennt – und der Künstler hat den Daumen drauf. Oder senkt er den Daumen zur Vernichtung, wie es einst die römischen Kaiser im Collosseum taten?

Im ersten Stock findet der Besucher auf einer riesigen Fläche zwei Labradorhunde, die ein Küken bewachen. Im zweiten Stock ruhen in der Mitte des Raumes neun Tote, eingehüllt in weiße Tücher. Erst auf den zweiten Blick wird dem Betrachter bewusst, dass die Arbeiten aus Marmor sind und dem Entsetzen weicht Erleichterung. Perfekt wie einer der alten Meister hat Cattelan den Faltenwurf arrangiert. Die dritte Etage ist gleich ganz geschlossen. Auf dem Weg in den dritten Stock versperrt uns ein erschreckender Anblick den Weg. Die Leiche einer Frau hängt wie gekreuzigt an einem Türrahmen. Perfekt steigert Cattelan den Spannungsbogen vom Küken, als Symbol für Geburt bis zu Kreuzigung und Tod und bedient sich perfekt christlicher Ikonografie.

Perfekte Ausstellung, perfekte Inszenierung in einem tollen Austellungshaus. Mehr Informationen gibt es auf den Webseiten des Kunsthauses Bregenz.