Nicht dass sich ein Besuch in den Hamburger deichtorhallen nicht grundsätzlich immer lohnt, aber momentan lohnt er sich einfach ganz besonders, weil es drei wirklich tolle Ausstellungen gibt. Da ist die Ausstellung „Amercian Beauties – Amerikanische Lebenswelten in der Fotografie“. Sieben verschiedene amerikanische Lebenswelten und künstlerische Positionen werden in der Ausstellung vorgestellt. Karl Struss zeigt Stadtansichten New Yorks vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Den großstädtischen Zeitgeist der 20er Jahre lässt Lisette Model in ihren Porträts auferstehen.

Mit den Arbeiten von David Hockney und Larry Clark werden zwei ganz unterschiedliche künstlerische Lebenswelten gegenüber gestellt. Das von Langeweile, Drogenkonsum und Sex dominierte Leben einer Clique in einer amerikanischen Kleinstadt Ende der 60er Jahre thematisiert Larry Clark. David Hockney hingegen zeigt seine unmittelbare Umgebung und ästhetischen Einflüsse im Kalifornien der 70er Jahre, die die Leichtigkeit und Lebensfreude der Westküste spüren lassen. Wim Wenders wiederum zeigt ein Amerika, wie es Edward Hopper nicht besser hätte malen können: Einsame Straßen, Diners mit dem Flair der 50er Jahre, die Weite des Westens. Nan Goldin holt uns mit der Bildserie über ein Topmodell zurück in die Gegenwart des „Big Apple“. Das Künstlerkollektiv Art Club 2000 untersucht fotografisch die Bedingungen künstlerischer Produktion in den sich wandelnden New Yorker Vierteln wie SoHo und Chelsea Mitte der 90er Jahre.

Deutsche Ansichten bietet „gute Aussichten“, ein Projekt das deutschenNachwuchshoffnungen unter den Fotografen präsentiert. Die vierte Ausschreibung des bundesweiten Nachwuchsförderungsprojekts hat elf GewinnerInnen mit zehn Arbeiten aus 83 Einreichungen deutscher Hochschulen und Universitäten ermittelt. Mit rund 200 Einzelwerken, zwei Rauminstallationen, vier Büchern, zwei DVDs, zwei Magazinen sowie einer Zeitung ist die Ausstellung die umfangreichste Auswahl seit Bestehen des Projektes.

Und schließlich ist da die Ausstellung von Baselitz‘ „Russenbildern“. Baselitz, wie die beiden anderen großen deutschen Maler Richter und Polke auf in der DDR geboren bzw. aufgewachsen, arbeitet die Bilder seiner Kindheit auf. Diese war bestimmt von den propagandstischen Großformaten der Diktatoren des Kommunismus und Heldenbildern der glorreichen Sowjetarmee in Stil des sozialistischen Realismus. Die 60 Gemälde entstanden zwischen 1998 und 2002.

Ich finde die Gemälde wahnsinnig spannend, Baselitz‘ Konzept, den Bildrahmen und -gegenstand durch das „Auf-den-Kopf-stellen“ zu sprengen und den Betrachter erst auf Licht und Farbe und danach auf den Bildgegenstand zu lenken, erweist sich hier als besonders interessant. Die altbekannten Propagandabilder wirken schon durch den Kopfstand neu. Viele Bilder wirken luftig und sind von spannender Farbigkeit. Der schon erwähnte „Lenin auf der Tribüne“ ist zum Beispiel in leuchtenden Farben auf die Leinwand gesprenkelt. Baselitz malte das Bild im Stil des Pointilismus, doch die Farben bringt er nicht punktiert mit dem Pinsel auf die Fläche, sondern mit einem Korken. Nur das Gesicht bleibt um der Erkennbarkeit willen etwas klarer. Wirklich spannend!