Würde man auf der Straße willkürlich 100 Menschen auswählen und sie fragen, wer Paula Modersohn-Becker war, dann würden vermutlich 99 Befragte mit den Schultern zucken. Anders als vielen ihrer männlichen Kollegen der Jahrhundertwende, blieb Modersohn-Becker bis heute die ganz große Anerkennung versagt. Das ist umso erstaunlicher, wenn man ihr Leben und ihr Werk betrachtet, das von Hollywood erdacht sein könnte: Junge Frau träumt davon, Künstlerin zu werden, setzt sich gegen alle Widerstände durch, heiratet bekannten Maler, fühlt sich in der Ehe und der ihr zugedachten Rolle als Frau gefangen, bricht immer wieder aus und flüchtet ins verruchte Paris, bekommt ein Kind und stirbt jung.

Paula Modersohn-Becker, Selbstporträt, 1906, Bremen
Paula Modersohn-Becker, Selbstporträt, 1906, Bremen

Paula Becker wird 1876 in Dresden geboren und wächst in einem bürgerlich-liberalen Elternhaus auf. Früh kommt sie mit Kunst und Kultur in Berührung, die Eltern fördern ihre sieben Kinder und legen wert auf eine gute Bildung. 1888 zieht die Familie nach Bremen. Paula darf Malunterricht nehmen – ein Entgegenkommen des Vaters, damit sie das Lehrerinnenseminar besucht. Der Zugang zur Kunstakademie bleibt ihr als Frau allerdings versagt.

Bei einem Ausflug in das Dorf Worpswede lernt sie die dort ansässige Künstlerkolonie kennen. Auf Anhieb verliebt sie sich in das Dorf und die Landschaft, ist beeindruckt von den Farben und dem Licht. Becker beschließt, in die Künstlerkolonie zu ziehen und nimmt Unterricht bei Fitz Mackensen, merkt allerdings schnell, dass Worpswede keinen künstlerischen Fortschritt erlaubt und Mackensen auch nicht der richtige Lehrer für sie ist.

Becker geht nach Paris, um dort intensiv zu arbeiten und zu lernen. Sie lernt viele Pariser Künstler kennen, ist beeindruckt von Cézanne und den Nabis, deren flächige, an japanischen Holzschnitten orientiere Malweise sie beeidruckt. Zurück in Worpswede heiratet sie den Landschaftsmaler Otto Modersohn, eine Heirat, die sie vor allem wirtschaftlich absicherte und ihre finanziellen Sorgen verringerte. Diese finanzielle Unabhängigkeit war es auch, die Modernsohn-Becker nach Trennungsversuchen letztlich bei ihrem Mann hielt. Allerdings ging Paula eigene Wege. Sie pendelte bis 1906 mehrfach zwischen Worpswede und Paris.

Paula Modersohn-Becker, Moorgraben, 1900-1902, Privatsammlung
Paula Modersohn-Becker, Moorgraben, 1900-1902, Privatsammlung

Im November 1907 bringt sie dann eine Tochter zu Welt. Doch die junge Frau hat kein Glück. Nur wenige Tage nach der Geburt starb Paula Modersohn-Becker im Alter von 31 Jahren an einer Embolie. Ihre letzten Worte sollen gewesen sein: „Wie schade“.

Hinterlassen hat sie allerdings ein beeindruckendes Konvolut von rund 750 Gemälden und 1000 Zeichnungen. Was wohl wäre aus ihr geworden, wenn sie noch 30 oder 40 Jahre gelebt hätte? Modersohn-Beckers Werk legte den Grundstock für den Expressionismus, ohne Zweifel darf sie neben Emil Nolde als wichtigste Vertreterin des norddeutschen Expressionismus gelten. Ihre Arbeiten umfassen Porträts, Kinderbildnisse, die Darstellung der bäuerlichen Lebenswelt in Worpswede, Landschaften, Stillleben, Selbstporträts und -akte. Ihre Malweise war geprägt von den Begegnungen mit französischen Kollegen und vereinte Elemente von Expressionismus, Kubismus, Fauvisten und Nabisten, von Cézanne, Gauguin und Picasso. Sie übernimmt aber auch Stilelemente vergangener Epochen, zeigt Interesse an antiken Porträts.

Und auch wenn sie bis heute zur Künstlerkolonie Worpswede gerechnet wird, stand sich künstlerisch doch immer weit außerhalb des Naturalismus und Impressionismus der Worpsweder Künstler. Modersohn-Becker malte flächig, oft stark reduziert,mit sattem Farbauftrag in typischer expressionistischer Farbpalette und vereinfachter Form. Anders als ihre Künstlerkollegen idealisierte sie das bäuerliche Alltagsleben nicht, klagte nicht gegen soziale Mißstände und idealisierte nicht, sondern zeigte reges Interesse an Menschen.

Gleich mehrere Ausstellungen ehren Paula Modersohn-Becker zu ihrem 100. Todestag. Die größte und bedeutendste präsentiert die Kunsthalle Bremen (Sonderseite zur Ausstellung). Sie wirft einen Blick auf Modersohn-Beckers Leben in Paris und beleuchtet den Einfluss, den die Künstlerkollegen auf die Malerin hatten. Die Kunstsammlungen Böttcherstraße untersuchen in ihrer Ausstellung, welchen Einfluss antike ägyptische Porträts auf die Modersohn-Becker hatten und wie sie ihre Arbeiten beeinflussten.

Natürlich ehrt auch Worpswede die Malerin. Eine Ausstellung an sechs Originalschauplätzen soll den Besuchern das Leben von Paula Modersohn-Becker näherbringen. Vielleicht werden ja nach all den Feierlichkeiten ein paar Leute mehr auf der Straße eine Antwort finden, wenn sie gefragt werden, wer Paula Modersohn-Becker war, es wäre Zeit dafür!