Warum sollte man eigentlich eine Ausstellung zum Thema „Haare“ besuchen, das habe ich mich gefragt, als ich von der Ausstellung „Haare – Fotografien von Herlinde Koelbl“ im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg las. Das kann nur langweilig sein, auch wenn Herlinde Koelbl eine ausgezeichnete Fotografin ist. Ich habe mich geirrt, das Thema ist überaus interessant und das liegt nicht nur an der Fotografin.

Haare, Herlinde Koelbl, 2007
Haare, Herlinde Koelbl, 2007


Koelbl ist so etwas wie die Soziologin unter den Fotografen. Mit hingebungsvoller, fast wissenschaftlicher Beobachtungsgabe analysiert sie gesellschaftliche Prozesse, durchleuchtet menschliche Befindlichkeiten und untersucht individuelle und gemeinschaftliche Spielarten menschlichen Lebens. „Das deutsche Wohnzimmer“ (1980) war eine ihrer ersten Arbeiten, die große Beachtung fanden. 2002 dringt sie sogar bis ins Allerheiligste vor. In „Schlafzimmer“ fotografiert sie 250 Menschen in ihren Schlafzimmern und reisst dabei den Porträtierten auch die Maske vom Gesicht.

Mit dem Buch „Männer“ gelang ihr dann ein weiteres wichtiges Werk. Als erste Frau widmete sie sich dem Thema „männlicher Akt“. Jahre später fotografierte sie dann „Starke Frauen“ (1996). Ihr wohl bekanntestes Werk ist die Langzeitstudie „Spuren der Macht. Die Verwandlung des Menschen durch das Amt“, in dem sie mit der Foto- und der Videokamera Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft über mehrere Jahre begleitete. Sie schafft es nicht nur die äußerlichen Veränderungen im Bild festuzhalten, sondern dokumentiert auch die Persönlichkeitsentwicklung.

Haare, Herlinde Koelbl, 2007
Haare, Herlinde Koelbl, 2007


Nun widmet sie sich also dem Thema „Haare“. 120 großformatige Fotografien in Farbe und Schwarzweiß zeigt das Hamburger Museum. Sechs Jahre lang hat Koelbl in Europa, Asien, Australien und Amerika Menschen und ihre Haare fotografiert. Entstanden ist ein breiter Kosmos, der zeigt, wie wichtig Haare für uns Menschen sind. Sie sind individueller Ausdruck unserer Persönlichkeit, körperliches Merkmal und sexuelles Symbol. Nicht zuletzt formen sie Stereotypen: Blonde Frauen sind hübsch, aber dumm, rothaarige Frauen sind verführerische Hexen.

Haare können sowohl als individuelles Merkmal für das Anderssein genutzt werden (was mancher Punker nur zu gerne tut), genauso aber auch als Symbol der Zugehörigkeit dienen. Aber auch Erotik und Verführung liegt in den Haaren, nicht umsonst verhüllen muslimische Frauen ihre Haare mit Kopftuch oder Schleier. Haare sind Zeichen der Kraft und Männlichkeit, darum verliert Samson in der Bibel auch seine Kraft, als ihm die Haare abrasiert werden und das dürfte wohl auch der Grund sein, warum sich Frauen freiwillig mit Rasuren und Wachsenthaarungen der Beine quälen.

Haare können aber auch tiefgreifendes Symbol für den Wandel sein, in der Pubertät macht das sprießende Körperhaar den Wandel zum Erwachsenen sichtbar und die ersten grauen Haare sind sichtbares Zeichen des Älterwerdens. Und häufig müssen die Haare ab, wenn ein Mensch einen Neuanfang wagt. Ach ja, Haare sind auch noch äußerst wandlungsfähig, von millimeterkurz bis meterlang, von weiß bis schwarz, von wild bis zahm, von lockig bis glatt, die Bandbreite ist schier endlos.

Ach ja, und wochenlang beschäftigten sich die Medien damit, ob der damalige Kanzler Schröder sich nun die Haare färbt oder nicht. Der stritt sich mit der Boulevardpresse deshlab sogar vor Gericht. Wir alle haben also ein emotionales Verhältnis zu unseren Haaren und Koelbl hat es perfekt geschafft, dieses sichtbar zu machen. Und deshalb: unbedingt ansehen!

Mehr: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.