Puh, jetzt wird alles gut. Die documenta-Leiter haben ein Einsehen mit den armen Besuchern und spendieren den Kunstwerken Erklärungen, wie schön… Vielleicht erklärt uns das ja, warum die documenta-Macher welches Kunstwerk ausgesucht haben und warum, wie und wo präsentieren.

Buergel wehrt sich in den letzten Tagen vehement gegen Kritik. In der Tagesschau am 06. August 2007 erklärt er, warum er die „Beziehungslosigkeit“ für wichtig hält. Buergel glaubt, dass diese Beziehungslosigkeit für die Kunstwahrnehmung besonders wichtig sei. Man müsse sich von Dingen verabschieden, die man kennt, weil man anders nicht neu wahrnehmen kann.

Ich habe selten solchen Unsinn gelesen, eigentlich ist es nur eine hohle Phrase, sie ist es aber trotzdem wert, dass man darauf eingeht. Gerade das soll Kunst ja: Ich möchte, dass Kunst mir Dinge, die ich kenne, erklärt bzw. sie mir näher bringt, erfahrbar macht, fühlbar wird, was ich sonst so nicht gefühlt oder erfahren hätte. Gerade dafür brauche ich doch die Kunst, das ist doch ihr Kern. Davon soll ich mich jetzt lösen? Eine neue Wahrnehmung entsteht doch nicht dadurch, dass ich mich vom Bekannten verabschiede, sie entsteht vor allem durch neue Kunst, durch neue und andere Sichtweisen, tolle Materialien, handwerkliches Können, kühne Ideen oder neue Blickwinkel. Dazu muss ich mich von Bekanntem nicht lösen, im Gegenteil, oft ist es gerade die Beziehung zu Bekanntem, die das Neue so interessant macht.

Ich erkläre das gerne mit dem Thema „Vergewaltigung“. Ich als Mann werde nie erfahren, wie sich eine Frau fühlt, die vergewaltigt wurde, was sie erlebt hat, was sie fühlt und wie sie sich fühlt. Aber Kunst kann mir einen tiefen Einblick in die Situation einer Vergewaltigten geben, kann fühlbar, hörbar, sehbar machen, was mir sonst verschlossen bliebe. Und dazu bedarf es nun der Beziehungslosigkeit? Darf ich mich nicht an Situationen in meinem Leben erinnern, die albtraumhaft waren?

Oder meint Buergel die Beziehngslosigkeit der Kunstwerke zueinander? Also soll neben dem Kunstwerk über die Vergewaltigung am besten ein Werk zum urbanen Raum in China hängen? DAS würde es mir leichter machen?

Buergel geht aber noch weiter. Er bezeichnet es im Hessischen Rundfunk als Fehler, dem „Mob“ der sich von Venedig über Basel und Köln nach Kassel und weiter nach Münster bewegte, eine Vorabbesichtigung ermöglicht zu haben. Mit dem Mob meint er die Kritiker und Kunstexperten, die erst bei der Biennale in Venedig, dann bei der Art Basel, der Art Cologne über Kassel bis zu den „Skulpturen Projekten Münster“ gereist waren. Der Kritik an der Ausstellung fehle es an Substanz. Tja, da geht es der documenta wohl ähnlich.