Russell Maltz und François Martig sind in der Stadtgalerie Saarbrücken zu Gast

Ein Umbau in der Stadtgalerie? Im Innenhof stapelt sich Baumaterial. Etwas merkwürdig nur, dass einige der Rohre, Latten und Steine neongelb leuchten. Und drinnen geht es weiter. In einem der hinteren Räume ein ähnliches Bild, nur dass es hier ein grelles Pink ist. Ist das Kunst oder kann das weg?

Beides sind Werke des US-Amerikaners Russell Maltz und tatsächlich können die nach Ausstellungsende weg. Der Abbau und die anschließende Verwertung als Baumaterial ist Teil des Konzeptes und ein wichtiger dazu. Maltz sieht sich als Maler und seine Arbeiten als temporäre künstlerische Interventionen im (öffentlichen) Raum. Die sehenswerte Ausstellung „Russell Maltz: Painted – Stacked – Suspended“ ist fast schon eine kleine Retrospektive, weil sie aktuelle Arbeiten zeigt, aber den Besucher auch mitnimmt zu den Anfängen und so deutlich macht, dass der Maler seine Wurzeln in der Konkreten Kunst hat. Das beweisen Arbeiten aus den 1980er-Jahren, in denen sich Maltz vor allem von Farbe und Material leiten ließ und viel mit Stapelungen und Schichtungen arbeitete. Doch zum Ende der Dekade wandte sich der Künstler vom Spiel mit dem Material ab und begann abstrahierende Elemente in seiner Arbeit einfließen zu lassen. Die Serie „Ball Park“ ist eher als Abstraktion denn als Beitrag zur konkret-konstruktiven Kunst zu sehen, denn man erkennt hier den Ansatz des Künstlers, das Grün und Weiß des Sportfeldes aufzunehmen und zu zersplittern. Der Titel weckt sofort die Assoziation und damit geht das konstruktive Element verloren. In den letzten 20 Jahren spielte Maltz immer wieder mit den Grenzen von konkreter und abstrakter Kunst und von Skulptur, Installation und Malerei. Diese Entwicklung gipfelt in den Neon-Assemblagen der jüngsten Zeit.

Das ist keine leicht zugängliche Kunst. Man muss sich dafür Zeit nehmen und ganz darauf einlassen. Stadtgalerie-Leiterin Andrea Jahn hatte keine leichte Aufgabe, hat es aber verstanden, diesen spröden Kunstansatz zu vermitteln. Das ist auch Dank der Leihgaben von Privatsammlern möglich geworden, denn ohne die frühen Werke wäre die ohnehin komplexe Ausstellung in der Vermittlung deutlich schwieriger.

Etwas leichter hatte es da Kamila Kolesniczenko, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stadtgalerie ihre erste Ausstellung eigenverantwortlich kuratierte. Sie zeigt Arbeiten von François Martig, der im Dezember den SR-Medienkunstpreis erhielt. Der 1978 geborene Belgier ist ein Multitalent. Er arbeitet mit Fotografie, Dokumentation, Videos und (Sound-) Installationen. Musik, Töne und Geräusche spielen in den Arbeiten eine zentrale Rolle. In „Gas Place“ lässt er die Besucher andächtig ein Häufchen Erde anstarren. Dabei lauscht man einer polnischen Sprecherin, die in holprigem Englisch erzählt, was es mit dem schwarzen Erdreich auf sich hat. Es ist kontaminierte Erde von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs bei Verdun. Sie stammt von einer Lichtung, auf der Munition und chemische Kampfstoffe entsorgt wurden.

Martig betont, dass er keine Objekte schaffen, sondern zum Nachdenken anregen möchte. Die Stärke der Arbeiten ist ihr subtiler Umgang mit dem Grauen. Der Künstler stellt nicht das Leid der Menschen durch den Krieg dar, sondern macht es indirekt erfahrbar. So wird die Erde zum Fanal gegen die Schrecken des Krieges.

In der Auseinandersetzung mit der Geschichte von Landschaften und durch überraschende Verknüpfungen schafft der Belgier Erfahrungsräume, die ganz unterschiedliche Sinne ansprechen und dabei historische, politische und ökologische Aspekte reflektieren. Das tut er mit hohem ästhetischem Reiz, Vielschichtigkeit und wissenschaftlicher Akribie.

Russell Maltz: Painted – Stacked – Suspended und François Martig: Hypo-Landscapes: Politics of Battlefields, bis 27. August 2017, Stadtgalerie Saarbrücken