So, nun auch von mir ein Statement zur documenta 12. Anders als die KollegInnen wollte ich mir die Ausstellung erst mal anschauen, um zu urteilen, ob alles schlecht ist oder eben super. Es ist nicht schlecht, aber auch nicht gut, es ist langweilig, belanglos und ohne Konzept. Zunächst: was haben sich Ausstellungsmacher und Architekten nur bei den Aue-Pavillons gedacht, dieser Mischung aus Billiggewächshaus und musealem Raum – und das mitten im wunderschönen Park der Orangerie? Es ist gruselig und scheint den Architekten auch so peinlich zu sein, dass sie inzwischen nichts mehr von dem Bau wissen möchten. Man ist geradezu versucht, Gott auf Knien zu danken, dass dieser Pavillon nur temporär ist und nach der documenta verschwindet.

Dogon, 1996, Courtesy the artist, Romuald Hazoumé / VG-Bild-Kunst

Dogon, 1996, Romuald Hazoumé
Courtesy the artist, VG-Bild-Kunst

Das wäre ja noch zu verschmerzen. Aber wo sind die Visionen? Wo die neuen Kunstströmungen und die noch unentdeckten Künstler, die neben arrivierten Positionen Stellung beziehen können, ohne zu verblassen? Wo das Visionäre eines Harald Szeemann, wo das Politische einer Catherine David und wo das Geniale der garandiosen documentas von Fuchs und Schneckenberger? Überhaupt, wo ist der rote Faden? Gut, mancher wird jetzt sagen, endlich, endlich eine documenta ohne ideologische Überfrachtung und damit haben sie vielleicht sogar recht, aber eine Vision, eine Grundüberzeugung wäre trotzdem schön gewesen. Buergel geht es vor allem um Ästhetik und Sinnlichkeit der Kunst, aber auch das gelingt nicht wirklich. Statt dessen setzt man uns Fragen vor, wie etwa „Ist die Moderne unsere Antike?“. Wen interessiert’s? Und: kann man solche Fragen aus der Gegenwart heraus überhaupt beantworten?

Buergel geht es um das partizipative Element, er will Ästhethik als visuelle Erfahrung darbieten, der „die Besucher aus ihrer Lethargie holt und aktivieren soll, die Gegenwart anders zu sehen“. Das wird so nicht gelingen, vor allem nicht mit einem Fokus auf das Ästhetische. Ach ja und dann der Quatsch mit den Kunstgegenständen aus dem 14. bis 17. Jahrhundert, die laut Buergel ebenfalls Fragen zur Gegenwart beantworten könnten und deshalb auch ihre Daseinsberechtigung bei der Documenta hätten. Sicher könnten sie das, aber will ich das als Besucher tatsächlich sehen? Ist die documenta nicht dazu da, Fragen zur Gegenwart mit zeitgenössischer Kunst zu beantworten? Gibt es da nicht genug hervorragende KünstlerInnen?

J.D Okhai Ojeikere, Foto Frank Schinski / documenta GmbH, Headgear Series, 1974-2004

J.D Okhai Ojeikere, , Headgear Series, 1974-2004
Foto: Frank Schinski / documenta GmbH

Natürlich gibt es auch Lichtblicke, der wichtigste für mich: Romuald Hazoumé. Den Namen hatte ich zwar schon gehört, doch ein Begriff war mir der afrikanische Künster nicht wirklich. Hazoumé formt Kunstwerke aus alten Benzinkanistern, die er zu Objekten zusammenbastelt. Oder Monika Baers wunderbar poetische, zarte Malereien… Oder die wunderbaren Fotografien von J. D. ‚Okhai Ojeikere aus Nigeria. Überhaupt: Malerie und Fotografie sind nur wenig vertreten.

Ein bisschen schade ist das alles schon, ich mag Buergel und seine Arbeit eigentlich, um so enttäuschter bin ich von so viel kuratorischem Unverstand. Dem Spiegel sagte Buergel übrigens, für seine Zeit nach der documenta habe er einen besonderen Wunsch. Er würde sich gerne mal wieder langweilen: Hey, Herr Buergel, ich lege Ihnen einen Spaziergang über die documenta nahe, da können sie das schon jetzt haben! Und trotzdem: ein Besuch lohnt sich, denn so viel Kunst – 500 Werke von 108 Künstlern – sieht man nicht jeden Tag.