Das Saarlandmuseum zeigt grandiose Werke des Fotorealisten Franz Gertsch

Nur wenigen Künstlern ist es vergönnt, ein Museum mit dem eigenen Namen zu erhalten. Noch viel weniger Künstler schaffen es aber, dessen Eröffnung noch mitzuerleben. Franz Gertsch wurde diese seltene Ehre im Jahr 2002 zuteil. Der Sammler Wilhelm Michel war von Gertschs Werken so fasziniert, dass er beschloss, seine Bilder in einem eigenen Museum öffentlich zugänglich zu machen.

Gertsch hatte Ende der 1960er-Jahre begonnen, fotorealistisch zu malen und wurde schnell zu einem der führenden Protagonisten des Fotorealismus in Europa. Anfangs von Zeitungsbildern, dann von eigenen Fotografien ausgehend, malte er mit äußerster Präzision detaillierte Werke und gab ihnen die Illusion einer fotografischen Abbildung.

Franz Gertsch: Pestwurz, 2013-15, Sammlung Dr. h.c. Willy Michel © Franz Gertsch 2015
Franz Gertsch: Pestwurz, 2013-15, Sammlung Dr. h.c. Willy Michel © Franz Gertsch 2015

Franz Gertsch: Pestwurz, 2013–15, Sammlung Dr. h.c. Willy Michel © Franz Gertsch/Stiftung Saarländischer Kulturbesitz 2015

Foto- und Hyperrealismus drohen abseits der perfekten Umsetzungen des Handwerks schnell langweilig und kitschig zu werden, weil sich viele Maler für die oberflächliche Erfassung von Gesehenem interessieren und dies übersteigert umsetzen. Da bleibt wenig Platz für eine eigene Bildrealität. Bei Gertsch war das nie der Fall. Seinen Werken wohnt eine besondere Magie inne, weil er die realistisch anmutenden Bilder mit seinem ganz persönlichen Blick auflädt. Tritt man nah an die Leinwände heran, so nimmt das Auge die Grundstrukturen des Bildes war, fast glaubt man, vor einem abstrakten Werk zu stehen. Sobald man sich aber von dem Bild wegbewegt, verschmelzen die einzelnen Formen zu einem großen Ganzen.

Ein Jahr und mehr können vergehen, bis Gertsch ein Werk fertiggestellt hat. Ein großes Konvolut konnte so in den 85 Lebensjahren des Malers kaum entstehen. Die Bandbreite der Motive ist ebenso überschaubar. Meist sind es Momentaufnahmen der Natur wie strudelnde Bäche, Gräser und Pflanzen in konzentrierter Nahaufnahme oder Waldwege, gelegentlich auch Porträts und Akte. Akribisch beobachtet Gertsch seine Umwelt und sucht nach einer eigenen Wirklichkeit.

Wie sehr sich der Maler für die Durchdringung des Gesehenen interessiert, zeigen seine Holzschnitte. Sie haben in Gertschs Œuvre einen besonderen Stellenwert. In der Zeit zwischen 1986 und 1994 beschäftigte sich der Künstler ausschließlich mit den Druckgrafiken. Der 1930 geborene Schweizer ließ sich von einem heimischen Schreiner überdimensionale Lindenholzplatten anfertigen, auf die er Diapositive projizierte und dann mit dem Stechbeitel winzige Punkte ausstach. Anschließend wurde Farbe aufgetragen und auf feinem Japanpapier gedruckt. Die Farbe haftete nur dort, wo die Holzoberfläche unangetastet blieb.

Die monochromen Drucke scheinen bei näherem Hinsehen aus vielen feinen Lichtpunkten zu bestehen, die mal dichter zusammen und mal weiter auseinander liegen. So entsteht eine Raumwirkung und die Bilder glimmen sanft im Halbdunkel des Ausstellungsaals. Im Raum herrscht eine fast schon sakrale Atmosphäre, die dem Besucher Muße und Entschleunigung auferlegt und ihn vor den überwältigend großen Formaten ganz klein erscheinen lässt.

Franz Gertsch, bis 14. Februar 2016, Saarlandmuseum, Moderne Galerie, Saarbrücken