Die japanische Künstlerin Shiharu Shiota begeistert in der Stadtgalerie Saarbrücken mit raumfüllenden Installationen

Gruselig. Aufregend. Unglaublich. Ehrfürchtig raunen Besucher der Stadtgalerie derlei, während sie durch die Ausstellungsräume flanieren. Der erste Ausstellungssaal ist in ein Halbdunkel gehüllt. Von den Ausmaßen des Raumes ist nicht viel geblieben. Als ob hier eine riesige Spinne ihr Werk vollbracht hat, ist der Raum mit einem dichten Gespinst aus schwarz-grau schimmernden Wollfäden gefüllt. Nur der entstandene schmale Tunnel lässt den Besuchern Platz, um hindurchzukommen. Unweigerlich wird man von dem Gang eingesaugt und gelangt in einen zweiten Raum, der zu einer Schreckenskammer wird. Eingewebt in das Gespinst sind hier sieben weiße Kleider. Eines scheint ein Brautkleid zu sein, aber auch Kinderkleidchen hängen hier. Aber wo sind ihre Besitzer? Was geschah mit den Menschen? Unweigerlich setzt das Kopfkino ein.

Chiharu Shiota: Seven Dresses, Stadtgalerie Saarbrücken, 2015, Foto: Bülent Gündüz
Chiharu Shiota: Seven Dresses, Stadtgalerie Saarbrücken, 2015, Foto: Bülent Gündüz

Chiharu Shiota: Seven Dresses, Stadtgalerie Saarbrücken, 2015, Foto: Bülent Gündüz

Diese atemberaubende Installation stammt Shiharu Shiota. In einer enormen Fleißarbeit hat die in Berlin lebende Japanerin mit Helfern in zehn Tagen und mit einigen Kilometern Wolle dieses kleine Wunder vollbracht. Und gleich noch ein zweites. Im Saal darüber hat sie ein ähnliches Netz gesponnen. Hier tritt man am Ende des Tunnels in helles Licht und steht vor einigen großformatigen Arbeiten auf Papier, auf das die Künstlerin mit dem Körper rote Farbe gebracht hat. Fast wirkt es, als hätte sich hier ein Mensch im Todeskampf in seinem Blut gewunden. Auch hier sind nur die Spuren menschlichen Lebens geblieben.

Wie großartig die Arbeiten von Shiota wirklich sind, sieht man im dritten Ausstellungssaal. Neben einigen wunderbaren Grafiken und einer starken Videoarbeit sind hier kleinere Werke zu sehen, in denen die Künstlerin die großen Installationen auf ein kleineres Maß reduziert hat. Shiota hat hier mit schwarzen Leisten kleine Kästen gebaut, in denen sie Fundstücke mit schwarzen Garngespinsten einhüllt. Auch wenn diese handwerklich perfekt sind, verlieren die kleinen Werke ihren ganz besonderen Zauber und wirken wie ein müder Abklatsch der raumfüllenden Installationen. Der Angriff auf die Nerven fehlt. Nicht mal die in einem der Gespinste eingewebten Kinderschuhe gruseln wirklich. Aber auch eine Installationskünstlerin muss von etwas leben und Werke verkaufen. Deshalb wohl diese kleinen Arbeiten.

Shiota ist inzwischen eine weltweit gefeierte Künstlerin, die mit ihren Installationen immer wieder Aufsehen erregt. Die besondere Qualität liegt bei ihr auch darin, dass sie sich nie zu wiederholen scheint und daher nie langweilig wird. Ihren größten Triumph wird sie wohl in diesem Sommer feiern, wenn sie den Pavillon ihres Heimatlandes bei der Biennale in Venedig bespielen darf. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass es eine der aufregendsten Ausstellungen der Biennale werden wird.

Chiharu Shiota, „Seven Dresses“, bis 5. April 2015, Stadtgalerie Saarbrücken