Yoko Ono war 1964 eine der ersten Performance-Künstlerinnen. Doch ihr Schaffen stand stets im Schatten ihrer Ehe mit John Lennon. Zu ihrem achtzigsten Geburtstag zeigt die Frankfurter Schirn eine Retrospektive.

Auf dem Boden der Carnegie Hall sitzt eine junge Japanerin in einem schwarzen Kleid. Besucher flanieren an ihr vorbei, greifen zu einer Schere und schneiden ein Stück aus ihrer Kleidung heraus, bis die Künstlerin nackt ist. Während der Prozedur sieht man ihr das Unbehagen an, sie quält sich, die Demütigung steht der jungen Künstlerin in das Gesicht geschrieben. Ein starkes Bild: Es geht um die Darstellung von Ausgeliefertsein, um Gewalt und die Überschreitung intimer Grenzen. Die junge Frau war Yoko Ono und die Kunstaktion „Cut Piece“ wurde zu einem Meilenstein der Performancekunst.

Yoko Ono Half-A-Wind Show. Eine Retrospektive Ausstellungsansicht, Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Norbert Miguletz
Yoko Ono
Half-A-Wind Show. Eine Retrospektive
Ausstellungsansicht
Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Norbert Miguletz

Yoko Ono, Half-A-Wind Show. Ausstellungsansicht
© Schirn Kunsthalle Frankfurt 2013, Foto: Norbert Miguletz

Ono ist eine fast mythische Figur. Jeder kennt sie, doch die wenigsten bringen sie mit Kunst in Verbindung. Für die meisten Menschen ist sie die Ehefrau und Witwe von John Lennon. Dabei war sie längst eine eigenständige Künstlerin, als sie Lennon 1966 kennenlernte.
Ono wuchs in einer wohlhabenden Bankiersfamilie in Japan und den USA auf und wurde 1952 als erste Frau zum Philosophiestudium an der renommierten Gakushūin-Universität in Tokio zugelassen. In den USA widmete sie sich anschließend der Kompositionslehre und dem kreativen Schreiben. Bald gehörte sie zu der New Yorker Avantgarde-Szene, hatte Kontakte zu Musikern wie John Cage und den Fluxus-Künstlern um George Maciunas. So wurde sie zu einer der Wegbereiterinnen der gesellschaftspolitisch orientierten Kunst der 1960er Jahre und prägte Performance- und Konzeptkunst entscheidend mit. Die Heirat mit dem Beatles-Star John Lennon machte sie dann auf einen Schlag berühmt. Das Paar verband Privatleben und Aktionskunst zu einem gelebten Statement für Umweltschutz, Frieden und Frauenrechte. Bis heute sind das Yoko Onos Themen geblieben und trotz der Vehemenz und Kraft mit der sie sich für ihre Themen einsetzt, tut sie das meist mit subtilem Humor, manchmal sehr poetisch und oft mit einer bewundernswerten Naivität.

Es ist nicht ganz einfach, eine Künstlerin zu präsentieren, deren Werk geprägt ist von immateriellen Ideen und Texten, dennoch hat es die Schirn geschafft, eine vielfältige und unterhaltsame Retrospektive zu organisieren, für die Kuratorin Ingrid Pfeiffer über 200 Skulpturen, Objekte, Filme, Bücher und Installationen ausgewählt hat.

Immer wieder schafft Ono es, mit minimalen Mitteln maximale Reaktionen zu provozieren. Partizipation und Kooperation spielen dabei eine wesentliche Rolle. Oftmals bestehen ihre Arbeiten aus Handlungsanweisungen oder Ideen. Spielerisch bricht sie dabei Konventionen. Das Publikum wird immer wieder aufgefordert, das Kunstwerk mittels eigener Handlungen oder Gedanken zu vervollständigen, etwa wenn sie uns auffordert, Licht zu sammeln oder der Erde beim Drehen zuzuhören. Manchmal muss sich der Betrachter in der Ausstellung aktiv einzubringen, in dem er über ein Stück Stoff laufen soll, in schwarze Stoffsäcke kriecht oder Wasser auf einen Schwamm tropft.
Die Ausstellung folgt einer losen Chronologie. Ein eigener Bereich ist dem musikalischen Werk gewidmet, das Rock, Pop und Experimentalmusik vereint. Auch Onos filmisches Werk erhält in der Ausstellung breiten Raum. Neben den aufgezeichneten Performances sind einige Filme zu sehen, wie etwa „Fly“ von 1970, in dem man Fliegen zuschaut, die den nackten Körper einer Frau erkunden und dabei selbst zum Entdecker des weiblichen Körpers wird. Eines der Frühwerke ist „One (Match)“ aus dem Jahr 1966, das ein Streichholz in Nahaufnahme und Zeitlupe zeigt. Das Streichholz entzündet sich, leuchtet auf und verglüht – eine poetische Parabel über das Leben. Es bleibt zu hoffen, dass Yoko Onos Lebenslicht noch lange leuchtet.

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