Der Erfolg der Ausstellung „Urban Art 21“ im Jahr 2011 war groß – so groß, dass der Direktor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Meinrad Maria Grewenig, auf die Idee kam, eine Biennale ins Leben zu rufen, die alle zwei Jahre die großen Künstler der Urban-Art-Szene an einem Ort versammelt und eine kleine Bestandsaufnahme bieten soll.

Kunst in einer stillgelegten Eisenhütte? Kann das funktionieren? Ja – und wie. Einst war die Möllerhalle ein lauter und staubiger Ort, an dem die Rohstoffe zur Verhüttung gelagert wurden. Nun präsentiert Kurator Frank Krämer auf den staubigen, rostroten Betonwänden 50 Werke von 36 Urban-Art-Künstlern aus der ganzen Welt. Einen besseren Ort hätte man sich kaum aussuchen können.

Die Urban Art ist die vielleicht letzte große Kunstbewegung unserer Zeit. Entwickelt hat sie sich aus dem Graffiti. Viele der Künstler fühlten sich vom Formenvokabular der Szene eingeengt und bedauerten, dass ihre Werke oftmals nicht lange sichtbar blieben, weil verärgerte Hausbesitzer die Bilder an ihren Wänden überpinselten. Man begann auf klassischen Leinwänden zu malen, auch wenn das urbane Leben in den Großstadthäuserschluchten die Inspiration blieb. Längst hat man aber Museen und Galerien erobert. Inzwischen zahlen Sammler für die Werke einiger Künstler auch mal Hunderttausende Euro.

Speedy Graphito: La cabane, 2010
Speedy Graphito: La cabane, 2010

Speedy Graphito: La cabane, 2010
Foto:Völklinger Hütte

Die Ausstellung verdeutlicht, dass es zwei große Strömungen gibt. Die einen Künstler bleiben dem klassischen Graffiti nahe, haben aber eine eigene Formensprache entwickelt, wie etwa der Saarländer Reso, der sein „Tag“ – den klassischen Namenszug der Sprayer – als Bildinhalt verwendet, aber extrem fragmentiert und verschachtelt. Zu diesen Künstlern zählen auch Speedy Graphito oder die Sprayerlegende Cope2, deren Arbeiten ein bisschen so aussehen, als hätte man diverse Schmierereien einer New Yorker Häuserwand auf eine Leinwand kopiert. Viele der Künstler arbeiten mit dem klassischen Style-Writing. Zu den besten Arbeiten gehört in der Schau eine Leinwand des Saarländers Raks, der mit einer Mischung aus Style-Writing und Konstruktionszeichnung ein visuelles Highlight bietet.
Viele der abstrakten Künstler arbeiten mit gestischer oder geometrischer Abstraktion, oder, wie der in Berlin lebende Däne Morten Andersen, mit einer Kombination aus beidem. Zu den gestischen Abstrakten gehört Tanc, der mit Tinte, Acrylfarbe und Sprühlack die Leinwand traktiert, bis sie mit Farbe nahezu bedeckt ist. Der Schweizer Smash137 arbeitet ähnlich, bleibt aber dem Figurativen näher. Auch Remi Rough arbeitet mit Gestik und Bewegung, seine in der Ausstellung hängende Arbeit strahlt etwas fast Gewalttätiges aus.

Die andere Richtung der Urban-Art-Künstler hat sich der Gegenständlichkeit verschrieben. Oft arbeiten sie mit der Stenciltechnik und nutzen Schablonen. Zu den Stars in diesem Segment gehören Künstler wie Banksy oder der Franzose Jef Aérosol. Die beiden gezeigten Werke verbinden eigene Ästhetik mit Kunst- und Gesellschaftskritik. Anders sind die beiden Leinwände von Indie184. Ihre quietschbunten Arbeiten erinnern an eine Mischung aus Punk und Pop-Art. Wunderbar melancholisch ist das Porträt „Are you the artist?“ von El Bocho aus wabernden Farbschlieren.

Eine der stärksten Arbeiten ist die Installation des Portugiesen Vhils. Der hat alte Türen und Fenster zu einer Wand zusammengebastelt und anschließend mit dem Laser die obersten Lackschichten entfernt. So entsteht ein Graffiti der anderen Art. Statt Farbe aufzutragen, entfernt er sie und hinterlässt so seinen persönlichen „Abdruck“.

Die Ausstellung bietet einen grandiosen Überblick über die Urban-Art-Szene und hat im Weltkulturerbe Völklinger Hütte einen würdigen Platz gefunden. Es bleibt zu hoffen, dass dieses zarte Pflänzchen weiter wachsen wird.