Betritt man die Ausstellung „Landschaft, Licht und Stille“ des chinesischen Künstlers Qiu Shihua in der Pfalzgalerie in Kaiserslautern ist man erst einmal verblüfft: Cremeweiße Leinwände hängen da an weißen Wänden. Ein provokanter Scherz des Malers? Nein, denn bei intensiverem Betrachten erkennt man diffuse Strukturen in zarten Farbnuancen. Bäume werden sichtbar, man erkennt Flusslandschaften, Meeresstrände, Wolken, manchmal Berge oder Wälder.

Qiu Shihua, Untitled, 1995, Öl auf Leinwand, 151 x 305 cm, Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne, Foto: Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne Qiu Shihua, Untitled, 1995, Öl auf Leinwand, 151 x 305 cm, Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne, Foto: Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne

Qiu Shihua, Untitled, 1995
Öl auf Leinwand, 151 x 305 cm
Foto: Galerie Urs Meile, Beijing-Luzern

Shihua macht es dem Betrachter nicht leicht. Titel haben die Bilder nicht. Sie wollen erobert werden. Man muss sie sich regelrecht erarbeiten, muss den Blickwinkel ändern, sich vor, zurück und zur Seite bewegen. Immer wieder verändern sich die Werke. Hat das Auge erst einmal einen Fixpunkt ausgemacht, wird es leichter. Da ist die gleißende Sonne, die sich auf dem Wasser spiegelt, eine menschenleere Auenlandschaft, baumumstandene Seen, schroffe Berghänge oder bewaldete Hügel. Dann wieder schweift das Auge ab, das vage Bild verflüchtigt sich und nur die opake Bildfläche bleibt. Die Farbe wurde als zarter Schleier ganz dünn aufgetragen, die rohe Leinwand bleibt sichtbar. Nur selten malt Qiu Shihua Gegenständliches direkt, wie etwa die Sonne oder die Gicht der Wellen, wo sich das Weiß verdichtet und heller wird. Oftmals entstehen Gegenstände nur dadurch, dass der Maler die Farbe an den entsprechenden Stellen weglässt und die Konturen sichtbar werden.

Shihua wurde 1940 in der chinesischen Provinz Sichuan geboren. Er besuchte die Kunstakademie in Xi’an und studierte dort traditionelle chinesische Malerei. Nach seinem Abschluss beschäftigte er sich mit dem sozialistischen Realismus sowjetischer Prägung und musste während der Kulturrevolution als Plakatmaler in einem Kino arbeiten. In den 1980er Jahren reiste er durch Europa und kam mit der westlichen Kunst in Berührung. Seit seiner Rückkehr verbindet Shihua die westliche Kunst mit traditioneller chinesischer Malerei und dem Taoismus. So bringt ihn die bildkonstruierende Verwendung der Nichtfarbe Weiß in die Nähe der abstrakten Kunst westlicher Künstler, aber die Bildinhalte bleiben der traditionellen chinesischen Kunst verbunden. Gleichzeitig arbeitet er nach taoistischen Prinzipien: Darstellung und Entrückung, An- und Abwesenheit, Fülle und Leere beschäftigen den Maler in einem Prozess stetigen Wiederholens und Variierens. Allerdings bildet er keine realen Landschaften ab, er erschafft sie aus der Erinnerung im Zustand meditativer Versenkung. Es entstehen Landstriche in traumhaften Stimmungen, Bilder tun sich auf und verschwinden wieder, gerade gewonnen Eindrücke verflüchtigen sich und tauchen ähnlich wieder auf. Dabei geht Shihua in der malerischen Reduktion bis an die Grenze des gerade noch Wahrnehmbaren.

Die Ausstellung war bereits in kleinerem Rahmen im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen und ist die erste museale Einzelausstellung des Künstlers in Europa. 50 meist großformatige Leinwände und Papierarbeiten aus den letzten 40 Jahren zeigen die Ausstellungsmacher. Durch die Präsentation aller Schaffensphasen werden die Auflösungstendenzen erfahrbar. Malte Shihua anfangs noch blasse Landschaften in zarten Farbtönen, verschwamm der Bildgegenstand mit den Jahren immer stärker im Unbestimmbaren. Es war klug von der Kuratorin Dr. Annette Reich, die Werke nicht chronologisch zu hängen. So muss man erst die monochromen Leinwände aus den letzten Jahren erfassen, bevor man sich bei den älteren gegenständlicheren Arbeiten im ersten Stock ausruhen darf. Leider trübt die manchmal ungünstige Ausleuchtung den Genuss ein wenig. Trotz dieser kleinen Unzulänglichkeiten hat man in der Ausstellung aber großen Spaß und ein echtes Seherlebnis.

Bis 8. Januar 2012. Mehr unter www.mpk.de