Als Ende des 19. Jahrhunderts die Fotografie die Kunstwelt eroberte, verkündeten nicht wenige Künstler das Ende der Malerei. Warum noch malen, wenn das neue Medium doch viel detailgetreuer abbilden konnte, als es ein Maler jemals gekonnt hätte? Doch der Erfolg des neuen Mediums befreite die Maler vom Zwang realistisch zu malen. Nicht mehr das naturgetreue Abbild stand im Vordergrund, sondern der Maler mit seinen Gedanken, Gefühlen und seinem Blick auf die Welt.

Bald begannen die Maler, das neue Medium in die Arbeit zu integrieren und auch die Fotografen eigneten sich Strategien der Maler an. Es begann eine Zeit des wilden Experimentierens mit den Medien. Frühe Beispiele dafür sind in der Ausstellung László Moholy-Nagys Fotogramme. Moholy-Nagy verzichtete auf eine Kamera. Er legte Dinge des alltäglichen Lebens auf Fotopapier und belichtete diese Arrangements dann. Es entstanden schemenhafte Bilder zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit.
Der Saarbrücker Fotograf Otto Steinert hingegen „malte“ in den 1950er Jahren mit Licht. Er wählte lange Belichtungszeiten und bewegte ein Licht vor der Kamera. So entstanden Fotos mit Linien im Raum. Der Fotograf Thomas Ruff machte 202 aus japanischen Manga-Comics vielfarbige Abstraktionen. Er verzerrt die Abbildungen so stark, dass nichts mehr erkennbar ist, außer einer wabernden Farbfläche.

Immer wieder nutzen Künstler die Fotografie, um mit der Realität zu spielen und widersetzen sich der allgemeinen Erwartung, die Fotografie sei Dokumentation der Wirklichkeit. Ist die Fotografie tatsächlich realistischer als die Malerei? Schaut man sich Beate Gütschows Arbeiten in der Ausstellung an, darf man daran zweifeln. Gütschow mischt am Computer verschiedene Fotos so perfekt zusammen, dass dabei arkadische Ideallandschaften entstehen, die erst auf den zweiten Blick als „Stückwerk“ erkennbar werden. Auch Oliver Boberg inszeniert Realität. Was wie Aufnahmen von urbanen Landschaften aussieht, sind Fotos von verblüffend echt wirkenden Modellen, die Boberg in seinem Atelier erschafft. Realer Raum und Fiktion verschwimmen in seinen Arbeiten.

Neue Welten kreiert hingegen Amelie von Wulffen in ihren Collagen. Sie mixt Malerei und Architektur-Fotografie zu Ansichten von futuristischen Häuserlandschaften.
Mit den Grenzen zwischen Malerei und Fotografie spielt auch Luigi Ghirri. Er kopierte die Stillleben des Malers Giorgio Morandi, indem er die realen Gegenstände in Morandis Atelier als Vorlage für Fotografien nutzte, die Morandis Werke nachahmen. Die Fotos hinterfragen das Konzept von Realität und Abbild. Ähnlich arbeitete auch Jeff Wall in „Picture for a Woman“. Das riesige Diapositiv im Leuchtkasten stellt Manets „Bar in Folies-Bergère“ nach. Wie der Maler hat auch der Fotograf im Hintergrund einen Spiegel aufgebaut und dokumentiert so die Entstehung des Werks und den eigentlich nicht sichtbaren Raum.

Die Ausstellung „Malerei in Fotografie“ im Städelmuseum erfreut die Besucher mit Anregungen zur Frage, inwieweit Fotografie und Malerei Realität und Fiktion abbilden. Das Städel untersucht die Reflexion der Malerei im fotografischen Bild anhand unterschiedlicher künstlerischer Strategien. Die Ausstellung ist perfekten inszeniert und überrascht mit ihren Bezügen und Wendungen, man hätte sich aber ein bisschen mehr gewünscht. Die Schau mit 60 Werken präsentiert nur einen engen Ausschnitt aus den Überschneidungen der beiden Genres. Dem mit seiner ansehnlichen Sammlung vollgestopften Haus fehlt einfach der Raum zur erschöpfenden Abhandlung solcher Themen.