Als Sanja Ivekovic 2001 eingeladen wurde, an einem Ausstellungsprojekt in Luxemburg teilzunehmen, endete das in einem Skandal. Sie hatte es gewagt, ein Nationaldenkmal des Kleinstaates zu entweihen. Mitten in der Stadt auf dem Place de la Constitution steht das „Monument du Souvenir“ und erinnert an die Gefallenen der beiden Weltkriege. Auf der Spitze eines Obelisken steht die „Gëlle Frau“, die Goldene Frau, als Symbol des Widerstandes und der Freiheit und überreicht den zu ihren Füßen liegenden Soldaten einen Siegerkranz. Als die kroatische Künstlerin vor elf Jahren rund 100 Meter entfernt eine Replik der Gëlle Fra mit schwangerem Bäuchlein auf einer phallisch wirkenden Stele installierte, brannte ein Sturm der Entrüstung los. Befürworter und Gegner der „Lady Rosa of Luxembourg“ stritten monatelang über die Statue in über 700 Artikeln und Leserbriefen, in Fernseh- und Hörfunksendungen, sogar das Parlament musste sich mit der Angelegenheit befassen. Ivekovic wurde von dem Aufruhr überrascht. Ihr ging es nicht so sehr um eine Provokation, sie wollte auf die Rolle der Frauen und Mütter in den Gesellschaft aufmerksam machen.

Das Kunstwerk verstaubte bei einer Fraueninitiative bis es im Winter 2012 im New Yorker Museum of Modern Art in einer retrospektiven Ausstellung gezeigt und dafür extra restauriert wurde. Nun ist die Replik wieder in Luxemburg zu sehen und blickt im Musée d‘ Art Moderne (MUDAM) herab von ihrem Sockel mit widersprüchlichen Schlagworten wie Madonna und Hure, Kitsch und Kunst. Ivekovic ist inzwischen eine international gefeierte Künstlerin, war drei Mal bei der documenta und bei der Biennale in Venedig. Nun darf sie das komplette Untergeschoß des MUDAM bespielen – eine späte Genugtuung. Die Schau bietet einen grandiosen Überblick über das vielseitige Schaffen der 63-Jährigen.

Ivekovic beschäftigt sich mit analytischer Neugier mit der Frau und ihrer Stellung in der Gesellschaft. Dabei prangert sie die Rolle der Frauen in öffentlichen Darstellungen an und spielt quer durch die Genres der Fotografie, Videos, Installationen, Zeichnungen und Performances. Sie zeigt mit Intellekt und feinsinniger Ironie auf, wie von den Medien produzierte und standardisierte Codes das kollektive soziale Verhalten prägen. Immer wieder taucht die Künstlerin auch selbst in den Videos und Collagen auf, wie etwa in Fotoserien in denen sie privaten Fotos Werbeanzeigen aus Zeitschriften gegenüberstellt. Die persönlichen Fotos ahmen Posen der Modells aus den Anzeigen nach. Doch bei näherem Hinsehen stellt man verblüfft fest, dass die Fotos vor den Werbebildern entstanden sind. Alles Zufall oder war die junge Frau schon stark beeinflusst von der hübschen Werbewelt mit den künstlichen Fotos?

Ihre Arbeiten sind oftmals hochpolitisch und geißeln die soziale Situation der Frauen in Europa. So „verzierte“ sie Werbeplakate für Sonnenbrillen mit kurzen Texten von Frauen in Frauenhäusern, die ihr Leid und ihre Geschichte offenbaren und in krassem Gegensatz zu den eleganten Damen auf den Werbefotos erscheinen. Auch das Schicksal von Flüchtlingen verarbeitet sie in einigen ihrer Werke. Trotzdem trennt sie strikt zwischen ihrer Arbeit als politische Künstlerin und ihrem Wirken als politische Aktivistin und Feministin.

Ivekovics zweites großes Thema ist ihre Heimat. Persönliche und offizielle Geschichte sind bei ihr eng verbunden. Die Kroatin wurde im Jugoslawien Titos groß. Als junge Künstlerin begehrte sie mit subversiven Kunstaktionen gegen die Diktatur auf. Als Tito 1979 ihre Heimatstadt Zagreb besuchte, war es den Anwohnern aus Sicherheitsgründen verboten, ihre Balkone zu betreten. Für „New Zagreb“ hat Ivekovic ein Pressefoto stark vergrößert und alle Balkone farbig markiert, auf denen sich trotz des Verbots Personen aufhielten. „Triangle“ dokumentiert eine Aktion der Künstlerin, die eine dieser Wohnungen bewohnte und sich während der Vorbeifahrt Titos scheinbar masturbierend auf dem Balkon räkelte. Mit Fotoserien dokumentierte Ivekovic dann den demokratischen Wandel Jugoslawiens in den 1990er Jahren, als sich das Stadtbild Zagrebs durch neue Konsumtempel stark veränderte. Zumindest in Kroatien gilt sie inzwischen nicht nur als feministische Vorkämpferin sondern auch als Kunstikone und Heldin.

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