Dichte Vorhänge an den Fensterfronten der Galerieräume des Künstlerhauses blockieren jeden Lichtstrahl von draußen. Was auf den ersten Blick wie eine Lamellenjalousie aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Kunstobjekt aus Kassettenbändern, die über die gesamte Fensterfront vom Boden bis zur Decke gespannt sind. Metallisch-schwarz schimmern die Tonbandsteifen, jeder Windstoß versetzt sie in Schwingung und es setzt ein Flirren ein. Die Beschreibung verrät: Auf den Bändern ist Marlene Dietrichs Lied „Ich hab noch einen Koffer in Berlin“ gespeichert. Es ist die auffälligste Arbeit des Künstlers Gregor Hildebrandt, der seinen Koffer aus Berlin mitgebracht und im Saarländischen Künstlerhaus ausgepackt hat. In dem Erbstück seiner Tante stapelte er 47 kleinformatige Arbeiten ineinander und hat sie nach Saarbrücken geschafft. Einige seiner sonst riesigen Werke hat er dafür eigens auf ein kleineres Format übertragen. Doch er wollte sich nicht nur einfach zitieren, es ging es ihm um die Erstellung eines Selbstporträts aus verschiedenen Fragmenten seines künstlerischen Schaffens.

Gregor Hildebrandt, Foto: Markus Karstieß

Das Material seiner Wahl sind seit dem Jahr 2000 Audio- und Videobänder, die Hildebrandt auf Leinwände oder Papier klebt. Manchmal arbeitet er nur mit den individuellen Schattierungen, dann wieder bearbeitet er die Bänder und schneidet oder kratzt mit dem Skalpell in die glänzende Oberfläche. Virtuos beherrscht er den Umgang mit dem Material und schafft es damit zu „malen“. Mit romantischem Gestus und minimalistischer Strenge eignet sich Hildebrandt Objekte an, die ihn persönlich beschäftigen. Nicht ohne sentimentale Geste ist auch die Auswahl der meist melancholischen Musik auf den Bändern. Ausgangspunkt für seine Arbeiten ist der Alltag. Oftmals nutzt Hildebrandt geometrische Muster, wie die quadratischen Fliesenornamente einer Berliner U-Bahnstation oder ein Tapetenmuster aus dem Haus der Großmutter. Aber auch Gegenständliches ist dabei, wie etwa die Häusersilhouette der heimatlichen Berliner Auguststraße oder die Silhouette der Friedhofsinsel San Michele bei Venedig. Auch Alltagsgegenstände haben ihren Platz, wie etwa ein funkelnder Ring, Etiketten oder Bierglasrosetten. Spannend werden die Arbeiten, wenn Hildebrandt die spiegelglatte, schwarz schimmernde Oberfläche aus Magnetbändern durchbricht, wie in den an zerbrochene Spiegel erinnernden Werken oder den mit dem Skalpell herausgekratzten Landschaften. Immer wieder gibt es Bezüge zu Musik und Film und der im Saarland aufgewachsene Künstler verwebt optische und auditive Eindrücke. Die Inhalte der Tonbänder sind zwar nicht hörbar, aber durch die Titelgebung vorstellbar. So bereichert das Gespeicherte die visuellen und narrativen Elemente um eine emotionale Ebene. Während Hildebrandts abstrakt-expressionistische Monumentalwerke ein wahrer Augenschmaus sind, fehlt den Kleinformaten der ästhetische Reiz. Das Spiel mit den Grenzen zwischen Malerei, Skulptur und Installation ist nicht mehr so ausdrucksvoll. Kraft und Energie gehen bei den kleinen Leinwänden verloren, auch wenn die konzeptuelle Wirkung der Bilder intakt ist.

Zeitgleich mit Hildebrandt zeigt die Saarbrückerin Nina Jäger im Studio des Künstlerhauses in sechs Tischvitrinen kleinformatige Papierarbeiten mit Auszügen aus literarischen und essayistischen Texten, dazu Bleistiftzeichnungen, Gemäldereproduktionen und Fotografien. Jäger lädt ein, sich dieser Text- und Bilderflut hinzugeben, Widersprüchen und Parallelen nachzuspüren und sich auf die Vielstimmigkeit des Werkes einzulassen. Das ist anstrengend und wirkt spröde, aber es hat ja auch niemand gesagt, dass Kunst einfach sei.