Das Gemälde „Ein Seehafen“ (1644) kommt dem Betrachter merkwürdig vertraut vor und wirkt doch konstruiert. Links sind einige Gebäude erkennbar, ein bisschen Renaissance-Stil, ein bisschen Barock, zwei Campanile ragen in den Himmel. Am rechten Bildrand rahmt eine Flottille aus Großseglern die Szene ein, im Vordergrund herrscht geschäftiges Treiben an der Mole. Unwillkürlich fragt man sich, welchen Hafen der Maler hier wohl verewigt hat. Ist es Venedig oder Marseille? Vielleicht Genua oder Livorno? Nichts von alledem.

Das Bild stammt von Claude Gellée den alle wegen seiner Herkunft aus dem kleinen lothringischen Dorf Chamagne nur „Le Lorrain“ nannten. Dort wurde Claude um 1600 geboren. Wenig ist über die Jugend des Lothringers bekannt. Die Eltern starben früh, sodass er sich alleine durchschlagen musste. Er ging nach Rom und wurde Pastetenbäcker. Ein Zufall ließ ihn eine Anstellung bei dem Maler Agostino Tassi finden, der das Talent des jungen Mannes erkannte und ihn zum Maler ausbildete. Zu seinen frühen Förderern gehörte auch der niederländische Künstler Herman van Swanevelt, der im gleichen Haus wohnte.
Schnell erfreuten sich Claude Lorrains Gemälde großer Beliebtheit. Kardinäle, Fürsten, europäische Königshäuser und die Päpste gehörten zu seinen Kunden. Bald schon konnte Lorrain die Nachfrage nach seinen Bildern kaum noch erfüllen. 250 Gemälde, 1200 Zeichnungen und 44 Druckgrafiken schuf der Künstler bis zu seinem Tode im Jahr 1682.

Claude Lorrain (um 1600–1682) Landschaft mit Ascanius, der den Hirsch der Silvia erlegt, 1682 Öl auf Leinwand, 120 x 150 cm Ashmolean Museum, Oxford © Ashmolean Museum, University of Oxford

Claude Lorrain (um 1600–1682), Landschaft mit Ascanius, der den Hirsch der Silvia erlegt, 1682
Öl auf Leinwand, 120 x 150 cm, Ashmolean Museum, Oxford
© Ashmolean Museum, University of Oxford

Anders als bei vielen anderen Künstlern seiner Zeit nahmen Grafiken und Zeichnungen eine wichtige Stellung in Lorrains Schaffen ein. Stundenlang durchstreifte er die ländliche Umgebung Roms und skizzierte Stadtansichten, antike Tempel, Hirtenszenen und Landschaften. Diese Studien nutze er anschließend, um daraus Gemälde zu komponieren. Wie aus dem Baukasten fügte er einzelne Landschaftsansichten und Gebäude zusammen.
Zwar erzählt Lorrain oft eine mythische oder biblische Geschichte, doch Menschen und Götter sind nur Staffage, im Mittelpunkt steht die Natur. Wie etwa in seinem letzten Gemälde „Landschaft mit Ascanius, den Hirsch der Silvia erlegend“ (1682): Im Vordergrund erzählt Lorrain Vergils „Aeneis“ entlehnte Geschichte des Ascanius, der den zahmen Hirschen einer Latinerin erlegt, was schließlich in einem Krieg zwischen Latinern und Trojanern endet. Den Hintergrund bilden im unteren Drittel eine zeitlos klassische Landschaft mit einem Wald, im Mittelpunkt eine Flusslandschaft und in der oberen Hälfte eine Küstenlandschaft und der Himmel. Nichts lässt den Betrachter erahnen, dass ein Krieg heraufzieht. Oder doch? Im Hintergrund thront trutzig die Burg der Latiner im Dunst, Ascanius spannt den Bogen, dunkle Wolken ziehen auf.
Meisterhaft verstand Lorrain die Wiedergabe von Licht und spielte mit atmosphärischen Nuancen. Die Ausgewogenheit der Komposition und das ruhige Miteinander von Mensch und Natur bestimmen seine Bilder. Trotzdem wohnt seinen Bildern eine spannungsvolle Dynamik inne. Deutlich machte Lorrain dies durch die Technik, Bilder einander gegenüberzustellen, die kompositorische Entsprechungen oder Gegensätze aufweisen. Oftmals kombinierte der Meister eine arkadische Landschaft mit einer Meeresansicht oder eine morgendliche mit einer abendlichen Szene. So setze Lorrain der ländlich geprägten „Landschaft mit Ascanius “ das Bild „Ansicht von Karthago mit Dido und Aeneas“ (1675/76) entgegen, eine städtische Szene mit Blick auf das Meer.

Das Städel Museum zeigt in der Ausstellung „Claude Lorrain. Die verzauberte Landschaft“ neben 13 Gemälden auch über 100 Drucke und Zeichnungen. Deutlich wird die Eigenständigkeit der Grafiken. Viele der Motive veränderte Lorrain und produzierte nach einzelnen Arbeitsschritten neue Abzüge. Sein Herz schien daran zu hängen. Nur ungern gab er diese Grafiken an Sammler ab und ließ sich allerlei Ausreden einfallen, um sie zu behalten.
Ab 1635 fertigte Lorrain mit dem „Liber Veritatis“ ein spezielles Album mit Zeichnungen seiner Gemälde an. Anfangs wollte er damit noch ein Werkverzeichnis erschaffen, doch die Arbeiten wurden mehr und mehr zu zeichnerischen Reflexionen der Gemälde.