Die ersten Besucher des neuen Kunstgewerbemuseums im Londoner Stadtteil South Kensington staunten 1857 nicht schlecht. Es gab Garderoben, Restaurants und sogar Toiletten, Gasleuchten ermöglichten Öffnungszeiten bis in den späten Abend. Erstmals durfte die Unterschicht jederzeit ein britisches Museum betreten – ein Designmuseum für alle sollte es sein. Auch in den Ausstellungssälen hatte das neue Haus einiges zu bieten: Tapeten aus Frankreich, Mode aus Italien, Möbel aus Deutschland und Maschinen aus dem eigenen Land.

Initiator des neuen Museums war der kunstbesessene Ehemann von Queen Victoria, Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Er hatte 1851 die Idee, eine Weltausstellung in London zu organisieren, um den Einfluss von Wissenschaft und Kunst auf die Industrie zu steigern. Außerdem erhoffte sich das Königshaus einen positiven Effekt für den Freihandel.
Der Ausstellungsort im Londoner Hyde Park war ein Beweis der architektonischen und industriellen Fähigkeiten des britischen Königreichs. Der Kristallpalast war ein überdimensionales Gewächshaus aus Stahl- und Glas-Fertigteilen. In der 560 Meter langen und 137 Meter breiten Halle wurden über 100.000 technische Erfindungen und kunsthandwerkliche Erzeugnisse gezeigt.

Ausstellungsansicht Foto: David Ertl © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Ausstellungsansicht, Foto: David Ertl
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland

Die Leistungsschau war mit sechs Millionen Besuchern so erfolgreich, dass Albert sich entschloss, ein Museum zu gründen, das sich ganz dem Erwerb und der Präsentation kunsthandwerklicher Objekte widmen sollte. Das neue Haus sollte Schule des öffentlichen Geschmacks sein und Kunsthandwerkern, Künstlern und Architekten Anregung und Inspiration bieten.
Mit dem finanziellen Gewinn aus der Weltausstellung erwarb Albert ein 35 Hektar großes Grundstück im Herzen Londons und erbaute ein Kulturviertel, zu dem auch das neue South Kensington Museum gehörte. Neben der kunstgewerblichen Sammlung mit Möbeln und Einrichtungsgegenständen, Schmuck und Porzellan zeigte man Gemälde und Skulpturen des Mittelalters und der Renaissance und gründete die erste Kunstbibliothek der Welt. Das Museum erwarb auch Maschinen und stellte die Herstellungsprozesse industrieller Produkte nach. In einem „Schreckenskabinett“ wurden Geschmacksverirrungen präsentiert, um dem Bildungsauftrag gerecht zu werden.
Bald schon konnte man Ausstellungsstücke aus allen Teilen der Welt bewundern. Königin Victoria übergab dem Museum diplomatische Geschenke, darunter japanische und chinesische Objekte, aber auch islamische Kunst. Als die britische Ostindien-Kompanie aufgelöst wurde, erwarb das Haus weitere 19.000 Exponate und auf den Weltausstellungen der folgenden Jahre erstand man weitere herausragende Designbeispiele. Ende des 19. Jahrhunderts platze das Museum aus allen Nähten.

1899 legte Königin Victoria den Grundstein für einen Neubau. Im Gedenken an ihren inzwischen verstorbenen Gemahl sollte das Museum nun „Victoria and Albert Museum“ heißen. Der Bau im Neorenaissance-Stil ist bis heute Sitz der Sammlung. Rund 15 Kilometer muss man zurücklegen, will man alle Räume besuchen und alle ausgestellten Exponate sehen. Insgesamt türmen sich in den Ausstellungssälen und dem Depot heute mehr als zwei Millionen Gegenstände.
Erstmalig öffnete das V&A nun seine Schatzkammer für ein anderes Museum und verlieh ein Konvolut von 400 Stücken an die Bundeskunsthalle in Bonn. 100 weitere Leihgaben ergänzen die Ausstellung „Art and Design for All“ – Kunst und Design für alle. Das Spektrum reicht von einem Eichenschrank im gotischen Stil über Mode, Keramik, Porzellan, Fotografien und Gemälde bis zum silbernen Toasthalter aus den 1880er Jahren, der es mit heutigem Design durchaus aufnehmen kann.
Auf einem Rundgang in 16 Kapiteln dokumentiert die Kunsthalle die Entstehung des größten Kunstgewerbemuseums der Welt von der Weltausstellung über die Vorgängerinstitutionen bis zum heutigen Museum und untersucht dessen Einfluss. Leider hat das Londoner Museum sein größtes Kapital, eine prachtvolle Sammlung von Gemälden von William Turner und John Constable nicht herausgerückt. Die reich bestückte Ausstellung ist trotzdem ein nettes Appetithäppchen, das Lust auf eine Reise in die heiligen Hallen des Victoria and Albert Museums macht.

Bis 15. April 2012 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Zur Ausstellung erschien ein reich bebilderter Katalog zum Preis von 32 Euro