Louise Bourgeois ist eine Jahrhundertkünstlerin und das im doppelten Wortsinne. Sie ist nicht nur eine Ausnahmekünstlerin, sie hat nahezu das ganze 20. Jahrhundert erlebt, ist bedeutenden Künstlern begegnet, hat sich von ihnen inspirieren lassen und wurde so zum Bindeglied zwischen Moderne und zeitgenössischer Kunst.

Bourgeois wurde 1911 in Paris geboren, ging dort zur Schule, studierte Philosophie an der Sorbonne und Kunst bei Fernand Léger. Als sie den Kunsthistoriker Robert Goldwater traf, verliebte sie sich, heiratete und ging mit ihm nach New York. Dort tauchte sie in die entstehende Kunstszene ein, begegnete den vor dem Krieg geflohenen Surrealisten, traf die Abstrakten Expressionisten um De Kooning und Pollock und lernte die Minimal Art- und die Pop Art-Künstler kennen. Ein spannendes und aufregendes Leben.

Louise Bourgeois Fondation Beyeler, Riehen / Basel mit Maman, 1999 Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor, 927,1 x 891,5 x 1023,6 cm Collection The Easton Foundation,courtesy Hauser & Wirth und Cheim & Read Foto: Serge Hasenböhler © Louise Bourgeois Trust

Louise Bourgeois, Fondation Beyeler, Riehen / Basel mit Maman, 1999
Bronze mit Silbernitratpatina, Edelstahl und Marmor, 927,1 x 891,5 x 1023,6 cm
Collection The Easton Foundation,courtesy Hauser & Wirth und Cheim & Read
Foto: Serge Hasenböhler, © Louise Bourgeois Trust

Lange war der Name Bourgeois nur Kunstkennern ein Begriff. Das änderte sich erst, als ihr das MoMA 1982 in New York eine Retrospektive ausrichtete und sie so einem größeren Publikum bekannt machte. Da war sie 71 Jahre alt. Die letzte Retrospektive kurz vor ihrem Tod im Jahr 2010 wurde zu einem Triumphzug. Sie wurde in der Londoner Tate Modern, im Centre Pompidou in Paris und im Guggenheim Museum gezeigt.

Zum hundertsten Geburtstag der Künstlerin richtet nun die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel eine Retrospektive aus – die letzte, die die Künstlerin noch mitkonzipierte. Die Ausstellung À l’infini versammelt zwanzig beispielhafte Exponate aus allen Schaffensperioden, darunter auch Spätwerke, die noch nie öffentlich zu sehen waren.

Künstlerisch zu arbeiten bedeutete für Bourgeois immer die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie, die Umsetzung von bewussten Emotionen und unbewussten Gefühlen. Kunst war für Bourgois immer auch Psychotherapie, die sie davor bewahren sollte, verrückt zu werden, wie sie in einem Interview gestand. Ihre Kindheit liegt wie ein Trauma über ihren Arbeiten. Die geliebte Mutter starb früh nach schwerer Krankheit, der Vater kümmerte sich kaum um sie und demütigte sie oft so sehr, dass sie noch Jahrzehnte später in Interviews die Tränen nur mühsam unterdrücken konnte.

Im Park des Museums empfängt den Besucher Maman, die ein Schlüsselwerk in Bourgeois’ Schaffen ist. Die zehn Meter hohe Bronzespinne mit ihren Marmoreiern im Hinterteil wirkt bedrohlich und beängstigend. Umso erstaunlicher, dass Bourgeois sie als Metapher für die geliebte Mutter sieht. Die Mutter war Weberin und restaurierte historische Stoffe. Wie eine Spinne erneuerte sie Gewebe und weil ihre Mutter für sie ein Monument gewesen sei, sei die Spinne eben monumental groß. Die Spinne hat aber auch etwas Beschützendes, sie trägt ihre Eier hinten im Körper, den sie schützend unter sich streckt und die Beine wie einen Baldachin ausbreitet. So strahlt die Spinne auch etwas Fürsorgliches aus.

Immer wieder stehen bei der oft nur als Bildhauerin wahrgenommenen Künstlerin bildhafte Erzählungen im Mittelpunkt, mal als Zeichnung, oft aber auch als Installation.
Angst und Schmerz waren dabei oft die Themen der Künstlerin. In der Ausstellung sind die legendären Cells zu sehen, in Käfigen eingefangene Momentaufnahmen eines Lebens. Durch Fenster, Türen, Gitter oder Glas kann man einen blick darauf werfen. Am Ende der Ausstellung begegnet man der Passage dangereux von 1997, einer Art Super-Cell, irgendetwas zwischen Folterkammer und Kinderzimmer. In einem begehbaren Käfig finden sich Knochen, Spiegel, Stühle und ein kleines Likörflakon, das Bourgeois von Le Corbusier geschenkt bekam. In ihm schwimmt eine tote Fliege, sie ist an ihrer Lust zu naschen zu Grunde gegangen.

Bourgeois litt an Schlafstörungen. Sie stand dann nachts oft auf und begann zu zeichnen. Mitte der neunziger Jahre entstanden so die Insomnia-Drawings, die einen unverstellten, tiefen Blick in das Seelenleben der Künstlerin ermöglichen. Das Konvolut aus über 200 Blättern ist die Quintessenz ihres künstlerischen Schaffens. Skizzen und Zeichnungen wechseln ab mit Texten und Notizen, die sich auf ihr alltägliches Leben beziehen. Bemerkenswert sind auch die vierzehn Zeichnungen der Serie À l’infini, die der Ausstellung den Namen gaben. Ihren Ursprung hat die Serie in einer Radierung, in der sich zwei Fäden begegnen und ein Gewebe bilden. Daraus erschuf Bourgeois eine Serie, die den ewigen Zyklus des Lebens darstellt, das Werden und Vergehen des Menschen.

Etwas ungeschickt ist die Gegenüberstellung von Bourgeois Arbeiten mit Künstlern, die sie nachhaltig beeinflussten. Viele der zarten und anmutigen Arbeiten von Bourgeois gehen in der Bildgewalt ihrer Gegenüber einfach unter oder der Betrachter fragt sich, was die Ausstellungsmacher damit sagen wollten. Gelungen scheint nur die Konfrontation von Bourgeois’ Red Fragmented Figure (1953), einer Stele aus grob behauenen roten Holzklötzen, mit Légers Contrastes de formes. Die Skulptur scheint die roten geometrischen Formen des Bildes geradezu in den Raum zu spiegeln.

Die Gegenüberstellung von Bourgeois’ Werken mit denen der großen Männer des 20. Jahrhunderts zeigt vor allem eines: Ihr Werk ist unvergleichlich zart und feminin und so ganz anders als das Ihrer Kollegen. Bourgeois nimmt mit ihren lyrischen und nachdenklichen Arbeiten eine Ausnahmestellung in der Kunst des 20. Jahrhunderts ein. Sie war eine der ersten, die den lange schwelenden Kampf zwischen Abstrakten und Figurativen beendete und die Kunst um eine eigenständige Deutungsebene bereicherte.