Anselm Reyle präsentiert uns in seinem Gemälde Weideglück ein quietschbuntes Landschaftsidyll: Ein zufriedenes Pferd liegt entspannt auf einer Wiese vor einem strahlend blauen Himmel. Mit allerlei Schraffuren, Texturen und silbern glänzenden Lacken wurden Hell und Dunkel und Farbspiele angedeutet. Doch etwas irritiert. Überall auf dem Bild sind kleine Felder mit Zahlen sichtbar. Reyle spielt auf das bei Hobbykünstlern beliebte „Malen nach Zahlen“ an. Der Maler spielt mit der Grenze zwischen Kunst und Kitsch. Was ist Kunst und was Kitsch, wie viel Kommerz steckt in einem Bild und was macht dessen Wert aus? Was macht Kunst überhaupt aus? Zählt einzig der Wille ein Kunstwerk schaffen zu wollen, ist es handwerkliches Können oder ist es der Name des Künstlers? Sind es die Farben und die gekratzten Schraffuren im Bild, die den Willen des Erschaffers zur Kunst dokumentieren und sich über das industrielle Produkt hinwegsetzen?

Die erste Ausstellung des neuen Baden-Badener Kunsthallendirektors Johan Holten will untersuchen, ob gängige Kategorien des Geschmacks heute noch brauchbar sind und welche Bedeutung sie innerhalb der zeitgenössischen Kunst haben. Holten selbst kommt zu dem Schluss, dass sich visuelle Einordnungen zur Beurteilung von Kunst so stark verändert haben, dass sie „heute vollkommen untauglich sind, Kunst zu beurteilen.“ Kunst ist heute schon lange nicht mehr schön und meist auch nicht geschmackvoll. Was bedeutet guter Geschmack in einer Welt die sehr schnelllebig geworden ist und in der fast alles erlaubt ist? Was heute noch in ist, kann morgen längst out sein. Für Museen wird es immer schwerer zu entscheiden, was sie ausstellen, sammeln und für die Nachwelt konservieren sollen. Objektive Kriterien zu definieren, fällt vielen Kuratoren und Kritikern immer schwerer.

Vieles was einst als geschmackvoll galt, ist heute überholt. So zeigt die Kunsthalle Landschaftsbilder aus dem 19. Jahrhundert. Doch was damals Genuss und Schönheit suggerieren sollte, ist heute nicht mehr zeitgemäß, wirkt angestaubt und würde in hippen Berliner Wohnungen mit Sichtbetonwänden skurril wirken. Dabei waren die arkadischen Landschaften mit ihren Ruinen, Bächen und Wäldern einst gesellschaftliches Schönheitsideal und Museen wollten ihre Besucher zum Wahren, Schönen und Guten erziehen. Erst gegen Ende des Jahrhunderts begannen Künstler dagegen aufzubegehren. Die Impressionisten wollten nicht mehr nach akademischen Idealen malen, sie wollen Farbe und Licht auf die Leinwand bannen und spätestens mit den Expressionisten und den Kubisten gewann die eigene Sichtweise des Künstlers im frühen 20. Jahrhundert die Oberhand.

Während sich die Palette künstlerischer Möglichkeiten extrem erweitert hat und neben Bildhauerei und Malerei auch Videokunst, Performance und Installation hinzukamen, scheinen handwerkliche Fähigkeiten immer mehr an Gewicht zu verlieren.
Welche zeitgenössische Kunst aber soll ein Museum heute ausstellen? Noch immer kommen die Besucher in die Häuser in der Erwartung, das Gute und Schöne präsentiert zu bekommen. Aber kann das eine Kunsthalle heute noch leisten?
Nicht ohne Ironie ist die Lage der Kunsthalle in Baden-Baden, die direkt neben dem Privatmuseum von Frieder Burda residiert. Burda zeigt, was ihm persönlich gefällt, einen Bildungsauftrag muss er nicht erfüllen. Nicht ohne Ironie ist auch die gleichzeitig dort laufende Schau mit Werken von Neo Rauch, einem der angesagten Künstler der Leipziger Schule, deren Preise gerade schwindelerregende Höhen erreichen.

Heute scheint der Kunstgeschmack eher vom Preis dominiert, die Sammler hecheln dem hinterher, was der Markt als „sammelnswert“ erachtet. Das ärgert auch viele Künstler, die in dem Dilemma zwischen Anerkennung und Kommerzialisierung ihrer Arbeit feststecken. Viele von ihnen würden sich dem Streben nach Konsum und Kommerz gerne entziehen. Es gilt inzwischen als schick gegen die Macht des Marktes zu rebellieren und so werden schon mal Alltagsgegenstände in langweiliger Wiederkehr von Duchamps Ready-Mades aufgestellt um gegen die zunehmende Kommerzialisierung zu protestieren, wie etwa in Josefine Mecksepers Arbeiten, die in der Baden-Badener Kunsthalle billige Klobürsten und Slips wie Luxusaccessoires in die Vitrine stellt. Ist das jetzt Kunst oder Kitsch? Oder Kitsch, der durch eine inhaltliche Aussage zu Kunst wird?

Die Frage ob Kunst oder Kitsch ist nicht immer einfach zu beantworten, die Grenzen fließend und oft liegt die Entscheidung im Auge des Betrachters. Jeff Koons ist ein Meister dieser Spielerei. Seine Kitschskulpturen haben Kultstatus. Er überhöht kitschigen Nippes zu Ikonen des Kommerzes. Allein der Preis und der arrivierte Name des Künstlers bestimmt hier, ob etwas Kunst ist oder eben nicht. Je teurer, desto Kunst. Für die einen sind Koons Werke gesellschaftskritische Kunst, weil er damit das Wesen des Kunstmarkts bloß legt, für die anderen ist es nichts als billiger Kitsch, der zum Statussymbol erhoben wird – nur in einem sind sich beide Seiten einig: Die Signatur des Künstlers macht es wirklich teuer.

Kitsch? Das war für den Kunstkritiker Clement Greenberg, der den Abstrakten Expressionisten um Pollock und De Kooning den Weg ebnete, vor allem das, was dem Massengeschmack entsprach und zum Massengeschmack kann Kunst sehr schnell werden. So fotografierte Martin Paar einen Besucher auf einer Messe in Dubai. Der Kunstkenner schaut sich ein gekleckstes und getröpfeltes Gemälde an. Sein Muster setzt sich zufällig fast haargenau auf dem Hemd des Betrachters fort. Die Kunst verkommt zum massentauglichen Modeartikel.

Und so lehrt uns die Ausstellung vor allem eines: Geschmack scheint beliebig zu sein und ganz im Auge des Betrachters zu liegen. Was bleibt dem Besucher? Er muss in diesem Zeiten vor allem auf den eigenen Geschmack vertrauen. Kunstinstitutionen oder Kritiker können nur Anleitungen bieten und der Kunstmarkt ist kein guter Ratgeber, weil das was heute noch teuer verkauft wird, morgen schon wie Blei an den Wänden der Galerien hängt. Dass der „teure Geschmack“ ein schlechter Ratgeber ist, zeigen Martin Parrs in der Ausstellung hängende Fotos von Kunst- und Millionärsmessen. Kunst verkommt zum protzigen Statussymbol und inhaltleeren Dekorationsartikel der Schönen und Reichen.

„Geschmack –der gute, der schlechte und der wirklich teure“ ist eine wunderbare Ausstellung zum Nachdenken darüber, was wir gut finden und warum wir das tun. Zur Ausstellung erschien ein lesenswerter Katalog mit Essays.