Das chinesische Nationalmuseum in Beijing hat am Freitag nach langer Renovierungszeit seine Wiedereröffnung gefeiert. Zelebriert wird die Einweihung mit der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“, die sich der Geschichte der Aufklärung in Europa widmet. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Ausstellung im chinesischen Nationalmuseum stattfindet. Das Museum liegt am nördlichen Rand des Tiananmen-Platzes. Hier setzte die chinesische Regierung 1989 der studentischen Revolte ein blutiges Ende. Zu diesem Kapitel chinesischer Geschichte findet sich im Museum nichts, dafür beleuchtet das Museum die Geschichte Chinas von der chinesischen Antike bis in die Gegenwart. Neben Altertümern sind Exponate aus der Parteigeschichte, der Revolution und der neuen Kunst zu bestaunen.

Das Museum war in den letzten Jahren wegen Renovierung geschlossen. Das deutsche Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner hat es für 260 Millionen Euro saniert und deutlich vergrößert. Schon der Haupteingang ist imposant. Die Eingangshalle alleine ist so groß, dass sie manch anderes Museum komplett beherbergen könnte. 260 Meter lang und vier Stockwerke ist sie hoch, lichtdurchflutet und leer. Nur eine majestätische Treppe beherrscht den Raum.
Rund 200.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche hat das Museum nun und ist damit das größte Museum der Welt. Es vereinigte schon 2002 die Sammlungen des Museums für chinesische Geschichte und des Revolutionsmuseums und verfügt mit über einer Million Exponaten auch über eine der größten Sammlungen der Welt. Dafür mussten chinesische Museen auf Anordnung des Kulturministeriums ihre besten Exponate abgeben. Künftig will Lü Zhangshen, Generaldirektor des Museums, mit zusätzlichen Wechselausstellungen in der ersten Liga der Museen mitspielen.

National Museum of China, Peking 2011 © Gerkan, Marg und Partner, Foto: Christian Gahl

Außen und innen wurde das Museum aufgepeppt und wirkt wie eine Mischung aus Sowjetprunk, chinesischer Pagode und europäischer Museumsarchitektur. Merkwürdigerweise schadet das dem Bau nicht, er wirkt durchaus gelungen. Im Innen strahlen edle Materialien und die verschwenderische Größe mondäne Exklusivität aus, große Fenster und Oberlichter sorgen für lichtdurchflutete Räume. Dem eingeschüchterten Besucher wird sofort klar: China will nicht nur ökonomisch und militärisch Weltmacht sein, sondern auch kulturell.

Die drei größten deutschen Sammlungen in Berlin, Dresden und München haben sich als Leihgeber und Mitorganisatoren der Eröffnungsausstellung zusammengetan, um die Ausstellung mit den chinesischen Kollegen zu stemmen. Die Politik beider Länder ebnete den Weg, um den intensiven Kulturaustausch weiter vertiefen. Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin betont gerne, wie groß die Ehre sei, dieses Museum als Erste kuratieren zu dürfen und wie freundschaftlich und gut die Zusammenarbeit war.

Aufklärung? Geht das in einem autoritären Staat überhaupt? Es wurde kolporiert, dass die Übersetzer der Ausstellung Mühe hatten, überhaupt ein chinesisches Wort dafür zu finden. Man wollte nicht zu revolutionär klingen und sexuelle Untertöne vermeiden. Die Epoche der europäischen Aufklärung ist in China nicht unbekannt. Sie gehört sogar zum Unterrichtsstoff in den Schulen. Längst debattieren Intellektuelle in dem kommunistischen Staat über die europäische Aufklärung und die daraus hervorgehenden Menschenrechte. Habe Mut Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen, so eines der Maximen Immanuel Kants aus dieser Zeit. Doch ist das von dem allmächtigen ZK der Kommunistischen Partei überhaupt gewünscht?

Die europäische Aufklärung in einem Land wie China, kann das funktionieren? Wollen die Macher der Ausstellung, die vom Auswärtigen Amt gefördert wurde, etwa den Funken einer Revolution entzünden? Mitnichten, ihnen geht es vor allem um die Veranschaulichung der europäischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert und ihren Wandlungen. Neben Kunstwerken sind auch wissenschaftliche Apparate, Kleider und Kunsthandwerk ausgestellt. Das hat wohl auch dazu geführt, dass das Projekt von Eingriffen de chinesischen Behörden verschont blieb.

Blick in die Ausstellung "Die Kunst der Aufklärung", März 2011 © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Frank Barbian

Ohne Zweifel ist die spektakuläre Ausstellung sehenswert. In neun Kapiteln werden 579 Exponate vom späten Rokoko bis zu Realismus und Klassizismus gezeigt. Zu Verstärkung haben die Macher auch späte Geister wie Caspar David Friedrich zur Verstärkung hinzugeholt und illustrieren mit Warhol die Nachwirkungen bis in die Moderne. Sie sollen ein umfassendes Bild der Veränderungen in Europa ermöglichen. Recht gut lässt sich das an den Kunstexponaten nachvollziehen. Wie ein riesiges Bilderbuch illustrieren sie den Wandel jener Zeit. Im Zentrum steht ein Bildnis einer jungen Dame. Das Porträt der Heinrike Dannecker zeigt, wie sehr sich die Gesellschaft wandelte. Selbstbewusst schaut die junge Frau den Betrachter an. Sie sitzt vor einer idealisierten Landschaft in einem Kleid aus Blau, Rot und weiß, den Farben der französischen Revolution. Die junge Dame ist die Verkörperung der bürgerlichen Zivilgesellschaft, die sich von Monarchie und religiöser Bevormundung löste und das Individuum in den Mittelpunkt rückte. Sozialkritik und Emanzipation wurden hoffähig, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zum Motto der jungen Demokratie.

Eines dürfte der Ausstellung sicher sein: die Aufmerksamkeit des Massenpublikums. Zwar kennen viele Chinesen Dichter und Denker jener Epoche, doch tiefergehende Kenntnisse fehlen ihnen, so dürfte die Ausstellung zum Renner werden. Man erwartet fünfstellige Besucherzahlen, bis zu 20.000 Gäste will das Museum pro Tag empfangen. Während von der Ausstellung selbst keine Revolution ausgehen dürfte, bietet das Rahmenprogramm allerlei Zündstoff. In Diskussionen will man die europäische Demokratiegeschichte den Chinesen näher bringen, das dürfte interessant werden. Das Museum wurde am 1. April 2011 in Anwesenheit von Außenminister Guido Westerwelle eröffnet.