Max Beckmanns herausragendes künstlerisches Schaffen wurde in den vergangenen Jahrzehnten in zahlreichen wichtigen Ausstellungen durchleuchtet. Umso erstaunlicher ist, dass eine Würdigung Beckmanns als „Maler auf Papier“ bislang ausgeblieben ist. Die Schirn bietet anhand von über hundert zum Teil großformatigen Aquarellen und Pastellen erstmals die Möglichkeit, wesentliche Teile dieser in alle Welt verstreuten Werke einer gemeinsamen Betrachtung zu unterziehen. Die große Überblicksausstellung, aus deren Anlass Mayen Beckmann, Siegfried Gohr und die Schirn das erste Werkverzeichnis der Aquarelle und Pastelle herausgeben werden, lässt erkennen, wie wichtig Beckmann das Arbeiten in diesen oft als flüchtig bezeichneten Techniken war. Seine Aquarelle zeugen im Gegensatz zu den Gemälden, in denen sich Probleme der Geschichte und der menschlichen Existenz verdichten, von Humor, Leichtigkeit und hinreißender Spontaneität und legen damit eine bislang kaum bekannte Facette dieses großen Meisters der Moderne offen.

Die Schirn setzt mit Max Beckmanns Aquarellen und Pastellen eine Reihe von Ausstellungen fort, die mit Henri Matisses Scherenschnitten und Paul Klees Arbeiten von 1933 bislang wenig beachtete Nebenstränge oder Werkkomplexe etablierter Meister der klassischen Moderne in den Blickpunkt rückt. Mit dem parallel zur Ausstellung erscheinenden Werkverzeichnis der farbigen Papierarbeiten wird zudem ein wesentlicher Beitrag zur Beckmann-Forschung geleistet.

Max Beckmann (1884 Leipzig – 1950 New York) schuf aus dem Fundus der Zeitgeschichte, der Mythologie und der privaten Biografie ein Lebenswerk, das zu den herausragenden schöpferischen ikonografischen Leistungen der modernen Kunst gehört. Dennoch hat sich die Würdigung seines Werkes erst nach 1980 bis zum heutigen Ruhm gesteigert. Die Retrospektiven der letzten Jahre in New York, Zürich oder Paris haben ein neues Interesse an Beckmanns Werk entfacht und es nicht zuletzt auch in Amerika mit jenem von Picasso, Matisse oder Léger auf eine Stufe gestellt.

Max Beckmann hat zu allen Zeiten seiner künstlerischen Laufbahn Gemälde und Zeichnungen, jedoch nicht kontinuierlich Aquarelle und Pastelle geschaffen. In seinem Frühwerk bis 1914 strömten nahezu alle künstlerischen Energien in die Gemälde. Die grauenvollen Kriegserlebnisse – Beckmann hatte sich 1915 als Freiwilliger zum Sanitätsdienst gemeldet und wurde nach einem psychischen Zusammenbruch bereits nach wenigen Monaten vom Kriegsdienst beurlaubt und später entlassen – verarbeitete er fast ausschließlich in Zeichnungen und Radierungen. Unter den Kriegseindrücken vollzog er einen radikalen stilistischen Wandel zu einer expressiven Kunst, in der sich Deformation und Verunsicherung unmittelbar in Technik und bildnerischen Mitteln wie Sprengung des Bildraums und der Zentralperspektive, Zersplitterung und hart aneinander stoßenden expressiven Linien spiegeln. Zur Verarbeitung der Erlebnisse des Kriegsinfernos bediente Beckmann sich häufig christlicher Themen wie etwa in der Serie von fünf um 1918 entstandenen Gouachen zur Geschichte des „Verlorenen Sohnes“.

Auf diese existenzbedrohende Zeit und deren Ausdruck in seinem durch Gewalt, Chaos und Ausweglosigkeit geprägten Werk folgte ab den 1920er Jahren ein neuerlicher, tief greifender Wandel. Beckmann, der sich 1917 fest in Frankfurt niedergelassen hatte, begann sich nun wieder in eine bürgerliche Welt einzuordnen. Er war von 1925 bis zu seiner Entlassung durch die Nazis 1933 Professor an der Städelschule und eine wichtige Persönlichkeit im kulturellen Leben der Weimarer Republik. Die persönliche Konsolidierung fand sowohl in der Themenwahl als auch in den gestalterischen Mitteln ihren Niederschlag. Die düsteren, zur Polemik neigenden Anklagen wurden durch Porträts, Stillleben, Landschaften, badende Menschen, weibliche Akte und andere Motive – „ein einfach daseiendes Leben“ (Beckmann) – abgelöst. Statt der nackten Gewalt rückten bei Beckmann nun jedoch auch die Doppelbödigkeit der „Salons“, die Maskerade und das Rollenspiel sowie die Vereinzelung als vordringliches Problem der Gesellschaft in den Blick.

Farbige Papierarbeiten blieben bis zur Mitte der 1920er Jahre jedoch weiterhin eine Ausnahme, sodass sie kein eigenes Gewicht neben der Malerei, Zeichnung und Druckgrafik bilden. Erst ab Ende der 1920er Jahre stieg die Anzahl der farbigen Blätter an, die nun oft wie großformatige Bilder angelegt waren. In Pastellen wie „Begegnung in der Nacht“ von 1928 ging Beckmann durch die Reduzierung auf wenige Figuren und die Beherrschung des Bildfeldes durch plastische, prägnant konturierte Körper neue Wege, die vor allem für seine Triptychen von Bedeutung werden sollten. Das erste Triptychon, „Abfahrt“ aus den Jahren 1932/33, markiert mit dem Eintauchen in die Welt des Mythos eine entscheidende Wende in Beckmanns Werk. Beckmann wandelte sich vom kritisch-distanzierten Beobachter einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft in einen Künstler, der sich durch mythologische Verhüllung zu entziehen versuchte, die Mythologie aber auch nutzte, um sich einer größeren geschichtlichen und thematischen Perspektive der Weltbetrachtung zu öffnen. Bildmäßige Aquarelle wie „Odysseus (Odysseus und Sirene)“, „Der Raub der Europa“ oder „Geschwister“ aus dem Jahr 1933 stellen einen ersten Höhepunkt in Beckmanns Aquarellkunst dar. Die Aquarelle von 1933 ermöglichten ihm eine neue Verwendung der Farbe als eines Elementes, dem Kräfte innewohnen, deren Potenz der Maler jetzt bejahte und nicht unterdrückte wie in den vorangegangenen Werken. Im Laufe der dreißiger und vierziger Jahre diente das Aquarell manchmal der Entspannung von der gedankenreichen Arbeit an den komplizierten Triptychen, z.B. wenn Landschaften in Bayern, Strandszenen an der Nordsee, Stillleben oder private Porträts das Thema sind. Andererseits beförderte die vergleichsweise spontane Aquarelltechnik eine ikonografische Experimentierlust, die selbst für Beckmann ungewöhnliche Bildfindungen hervorrief. Nach seinen Erfahrungen mit den Federzeichnungen zu Goethes „Faust II“, die Beckmann während der Kriegsjahre schuf, erscheinen nach 1945 in seinem Amsterdamer und vor allem ab 1947 in seinem amerikanischen Exil Blätter in komplizierter Kombination von Feder, Aquarell, Gouache, Kohle etc.

In einem spannungsreichen Verhältnis zum malerischen Werk, zur Grafik, zu den zeichnerischen Studien für Kompositionen zeigen die farbigen Arbeiten auf Papier den Künstler Beckmann im Experiment, in der Entspannung oder als wachen Beobachter seiner Umgebung. Der höchste Reiz dieser Arbeiten liegt jedoch darin, dass der Betrachter zum Zeugen eines faszinierenden Selbstgesprächs wird, das oft durch seine Unmittelbarkeit und Intimität besticht und auch in seinen Geheimnissen spannend bleibt.

Die Ausstellung wird im Anschluss an ihre Präsentation in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (03. März – 28. Mai 2006) im Guggenheim Museum Bilbao gezeigt (26. Juni – 17. September 2006).