Dr. Ralph Melcher ist Vorstand der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz. Unter ihrem Dach vereint die SSK die wichtigsten Museen des Saarlandes. Doch die Stiftung und ihr Chef haben ein Problem.

Schon im letzen Jahr wurde angesichts der Ausschreibung für einen vierten Pavillon des Saarlandmuseums heftig gestritten, ob es dabei mit rechten Dingen zuging, weil der Siegerentwurf nicht den Vorgaben der Wettbewerbsausschreibung entsprach. Bürger und Stadtverwaltung waren mit dem ausgesuchten Entwurf nicht einverstanden, weil man Angst hatte, dass der Anbau nicht in das Stadtbild und zum Museum passen könnte. Gerade erst hatten sich die Wogen geglättet. Nun gibt es einen Bericht der saarländischen Rechnungshofes, der das Finanzgebahren der Stiftung unter die Lupe nahm und gleich mehrere Dinge beanstandete.

Die Prüfer werfen dem promovierten Kunsthistoriker Melcher laut der Saarbrücker Zeitung vor, auf Dienstreisen in Begleitung seiner Ehefrau Steuergelder verschwendet zu haben. So soll Melcher ins Luxushotels abgestiegen sein und in den teuersten Restaurants diniert haben. Dabei soll er unter anderem in einem Restaurant 594 Euro ausgegeben haben, darunter waren zwei Flaschen Wein für jeweils 120 Euro. Bei Reisen nach Marbella, Venedig, London, Berlin, Paris und Wolfsburg soll Melcher schon mal bis zu 465 Euro pro Nacht bezahlt haben. Insgesamt habe Melcher zwischen im untersuchten Zeitraum zwischen 2006 und 2008 119 Belege (rund 20.500 Euro) aus der gehobenen Kategorie abgerechnet haben, darunter auch Einladungen an den ehemaligen Bildungsminister und jetzigen Fraktionsvorsitzenden der CDU-Landtagsfraktion Schreiner und die Bildungsministerin Kramp-Karrenbauer.

Als problematisch gilt auch eine Gehalterhöhung im Jahr 2007 um großzügige 3000 Euro. Melcher erhielt bei seiner Anstellung am 1. Januar 2004 das 1,4 fache der Vergütungsgruppe I des Bundesangestelltentarifvertrages. Dies bedeutete damals nach Recherchen der SZ rund 6000 Euro monatlich. Doch schon ein Jahr vor Ablauf seines Vertrages wurde mit Wirkung zum 1. Janur 2008 ein Änderungsvertrag „auf Grund seines außerordentlichen Engagements für die Stiftung“ unterzeichnet. Melcher bekam das 1,85-fache der Entgeltgruppe 15, Stufe 5 des Tarifvertrages der Länder. Dies dürfte einem Gehalt von etwa 9500 Euro entsprechen. Schon seit August 2006 wurde Melcher eine zusätzliche Sonderzahlung von monatlich 1250 Euro gewährt. Die Extra-Finanzspritze wurde, so der Rechnungshof, mit „über die normalen Dienstaufgaben hinaus gehendem zusätzlichem Arbeitsaufwand im Rahmen des Bauvorhabens Vierter Pavillon“ begründet.

Unter dem Strich wird Melchers Gehalt auf 10 700 Euro geschätzt. Damit gehöre der Stiftungschef nach Feststellungen der Prüfer im bundesweiten Vergleich zu den Top-Verdienern der Museumsszene. Der Rechnungshof startete eine Umfrage in den Bundesländern mit vergleichbaren Einrichtungen. Resultat: „Nach dem derzeitigen Kenntnisstand erhält kein einziger Leiter der in den bundesweiten Vergleich einbezogenen 21 Einrichtungen ein mit den Bezügen des SSK-Vorstandes vergleichbares Gehalt.“ Die Forderung des Rechnungshofes ist eine Reduzierung des Gehalts auf etwa 6700 Euro.

Das damit eingesparte Geld soll, so ein Vorschlag der Prüfer, in die Stelle eines gleichberechtigten und gleichbezahlten kaufmännischen Leiters neben dem kunstwissenschaftlichen Vorstand investiert werden. Diese Doppelspitze könnte unter dem Strich „kostenneutral“ realisiert werden, denn die Stelle des derzeitigen Verwaltungsleiters solle dann wegfallen. Keine schlechte Idee und bei vergleichbaren Einrichtungen längst Gang und Gäbe.

Doch der Rechnungshof beanstandet noch mehr. Wegen des Baus des vierten Ausstellungspavillons auf dem Gelände des Saarlandmuseums war ein Weiterbetrieb des Restaurants im Saarlandmuseum nicht mehr möglich. Deshalb wurde der bis zum August 2013 laufende Pachtvertrag vorzeitig im Sommer 2009 aufgelöst. Der Pächter erhielt dafür eine Entschädigungszahlung von 310.000 Euro von der Stiftung. Aus Sicht des Rechnungshofs ist die Summe um mindestens 100.000 Euro zu hoch. Der Stiftungsvorstand habe es versäumt, den Pächter rechtzeitig zu informieren. Das im August 2003 laufende Pachtverhältnis war ursprünglich auf fünf Jahre festgelegt, doch der Pächter zog eine vorzeitige Option auf Verlängerung, obwohl ihm bekannt gewesen sein müsse, dass eine Weiternutzung nicht möglich sei. Der Gastronom wollte eine Abfindung von 539.000 Euro und habe letztlich nach Verhandlungen 310.000 Euro erhalten. Das sei zu hoch, so der Landesrechnungshof, man hätte es im Zweifelsfalle auf einen Rechtsstreit ankommen lassen sollen, so die Prüfer.

Inzwischen rumort es im Saarland. SPD-Generalsekretär Reinhold Jost fordert umfassende Aufklärung von der Landesregierung und eine Suspendierung Melchers. Die LINKE ist entsetzt ob der dekadenten Völlerei auf Steuerzahlers Kosten. Staatskanzleichef und Minister für Kultur Karl Rauber (CDU) verspricht baldige Aufklärung, schont seinen Stiftungsvorstand aber bisher. Den Chef des Völklinger Weltkulturerbes Meinrad Maria Grewenig packt anscheinend die Angst und er schimpft, dass man so mit Führungskräften nicht umgehen könne: „Das wirft kein gutes Licht auf das Saarland.“ Grewenig warnt vor „Provinzniveau“ im Lande.

Und Melcher? Der gibt sich zerknirscht und fürchtet um seine Karriere. In einem Gespräch mit der Saarbrücker Zeitung betonte er, sicher zu sein, keine juristische Verfehlung begangen zu haben und verspricht, den Schaden wieder gut zu machen. Rund 30.000 Euro müsste Melcher dann zurückzahlen. Er sieht sich im recht, habe sein Spesenkonto nie überzogen und es gab nie Beanstandungen des Kuratoriums. Kein Wunder. Die ehrenamtlichen Kuratoren haben die Belege nie wirklich gesehen. Melcher gab diese an den ihm unterstellten Verwaltungsleiter weiter und der hatte keine Beanstandungen.

Der Fall wirft zwei Fragen auf. Warum haben die Kontrollinstanzen versagt? Ganz einfach: Weil es keine gab. Der dem Stiftungsvorstand Melcher unterstellte Verwaltungsleiter wird seinen Vorgesetzten kaum anschwärzen oder ihn wegen seiner Spesenpraxis rügen. Das Kuratorium der Stiftung und das zuständige Ministerium haben sich nie für die Spesenpraxis interessiert. Ein leicht zu lösendes Problem, in dem man die Zuständigkeit für die Kontrolle des Stiftungsvorstandes in das Ministerium verlagert und einen gleichberechtigten kaufmännischen Leiter neben Melcher installiert.

Viel interessanter ist aber die Frage: Wie viel Geld darf der Chef eines Museums für Reisen und Restaurantbesuche ausgeben? Ein Museumsdirektor muss viel reisen. Er muss Kontakte pflegen, muss sich mit Sammlern und Leihgebern treffen, wichtige Ausstellungen und Kongresse besuchen, das Land und seine Museen repräsentieren. Dazu gehört auch, dass der Museumsdirektor natürlich nicht in einer Jugendherberge schläft und Gönner und Kollegen zum Imbiss einlädt. Wer über Millionenwerte verhandelt, sollte sich tatsächlich im entsprechenden Umfeld bewegen dürfen. Dies muss aber transparent geschehen und nach dem Motto: So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Doch Melcher hat überzogen. Zu viele Belege, zu viel Geld für ihn und seine Frau mit zu hohen Kosten. Wie will man dem Steuerzahler vermitteln, dass der Museumschef und seine Frau auf Kosten der Steuerzahler für knapp 600 Euro speist?

Wahrscheinlich hat Melcher juristisch nichts falsch gemacht, auch wenn die Staatsanwaltschaft vom Anfangsverdacht der Untreue ausgeht und ermittelt. Ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl hätte aber gut getan. Vielleicht wäre ein Spesenkonto speziell für die Repräsentationspflichten nicht verkehrt und eine Lösung.

Melcher verdient ausgezeichnet und muss viel leisten. Anders als sein Vorgänger Güse ist er nicht mehr nur für das Saarlandmuseum zuständig. Dort muss er sich um das Tagesgeschäft und den Bau des neuen Ausstellungspavillons kümmern. Außerdem musste Melcher die zuvor von einem zweiköpfigen ehrenamtlichen Stiftungsvorstand geführten Personal- und Finanzgeschäfte übernehmen. Vielleicht war auch das ein Fehler. Man hat Melcher zu viel aufgebürdet und ihn dann alleine gelassen. Nicht das Melcher ein Opfer der Umstände wäre, doch das sollte man ihm das zu Gute halten. Sollte Melcher bleiben, wird es sich in Zukunft vielleicht wieder mehr um die kunstwissenschaftliche Arbeit kümmern. Denn da gibt es genug Verbesserungsmöglichkeiten. Schöne und innovative Ausstellungen sind harte Arbeit – nur leider selten in teuren Restaurants. Wie Melcher bei all den anderen Aufgaben noch Zeit als Kuratoren haben sollte, bleibt ein Rätsel.

Ein kleiner Hinweis: Alle Kommentare, die die sofortige Auflösung des Saarlandes fordern, werden von mir als Saarländer natürlich gelöscht! 🙂 Und: natürlich ist das Saarland nicht provinziell, sondern ein kleiner, schöner und mondäner Landstrich im Herzen Europas!