Der spanische Künstler Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828) gilt bis heute als Wegbereiter der modernen Kunst in Europa, war Vorbild für Künstler wie Picasso und hat das Zeitalter der Aufklärung entscheidend mitgeprägt. In dem sozial, religiös und kulturell zerrissenen Spanien des ausgehenden 18. Jahrhunderts wagte der königliche Hofmaler Goya eine Gratwanderung zwischen klassischer Auftragskunst für den spanischen Adel und das Bürgertum sowie Sozial- und Gesellschaftskritik, die er oftmals in karikaturhaften Bildern „versteckte“. Seine kritischen Arbeiten finden sich vor allem in vier Serien von Aquatintaradierungen wieder, die in einer Sonderausstellung der Kunstsammlungen Zwickau vollständig gezeigt werden.

CAPRICHOS, Blatt 10, El Amor y la muerte, Die Liebe und der Tod
21,5 x 15 cm, Radierung, Aquatinta poliert, Grabstichel, Harris 45/III
Morat-Institut für Kunst und Kunstwissenschaft Freiburg i.Br.

„Los Caprichos“ („Einfälle“), der aus 80 Blättern bestehende Zyklus, entstand in den Jahren 1797-1799 und zeichnet das Bild einer dekadenten, sich am Abgrund befindenden Gesellschaft nach. „Los Desastres de la Guerra“ („Die Schrecken des Krieges“), 80-teilig, thematisieren die menschlichen Grausamkeiten und die verheerende Hungersnot während der napoleonischen Herrschaft und des spanisch-französischen Krieges (1808-1813). Diese bislang noch nie da gewesene Brutalität und Direktheit in der Darstellung hat bis in die heutige Zeit hinein zahlreiche Künstler bewegt und inspiriert. „La Tauromaquia“ („Die Kunst des Stierkampfs“), zwischen 1814 und 1816 entstanden, erscheint im Vergleich zu den anderen Radierserien beinahe harmlos. Erst auf den zweiten Blick wird die hohe technische Qualität der 33 Blätter deutlich, die, mit der Fotografie vergleichbar, sekundenschnelle Momente festzuhalten scheinen und die Spannung eines spanischen Stierkampfes meisterhaft wiedergibt. „Los Proverbios“ („Sprichwörter“) oder auch „Los Disparates“ („Torheiten“) ist die wohl rätselhafteste Serie innerhalb des druckgraphischen Werkes. Die 22 Blätter markieren das Spätwerk Goyas und sind vermutlich in den Jahren von 1815 bis 1824 entstanden. Eigentümlich fliegende Hexenwesen oder in die Luft gewirbelte Gestalten sind darin häufig wiederkehrende Motive, welche die Nähe zu Goyas bedeutenden „Pinturas negras“(„Schwarze Gemälde“), heute im Prado (Madrid) ausgestellt, aufzeigen.

Die insgesamt 253 druckgraphischen Blätter (es werden auch die zusätzlichen Blätter zu den einzelnen Serien gezeigt) stammen aus dem umfangreichen Bestand des Morat-Instituts für Kunst und Kunstwissenschaft in Freiburg im Breisgau und gelten sowohl hinsichtlich ihres Umfangs als auch ihrer Qualität als einzigartig. Ein wirklicher Leckerbissen, den das Museum da präsentiert und für Kunstinteressierte ein Muss.

Zur Ausstellung ist ein reich bebildeter Katalog zum Preis von 20 Euro erschienen: Francisco de Goya – Radierungen. Die Sammlung des Morat-Instituts, Edition Braus, 168 Seiten. Die Ausstellung läuft noch bis zum 02. Mai 2010. weitere Informationen: www.kunstsammlungen-zwickau.de